Start :: All Articles :: Add new article :: Extended Search

Add new translation

[Original] Legacy: Nightwish - Iron Maiden ls Gonna Get You (2002) - Interviews

Iron Maiden Is Gonna Get You

Zu den Abräumern beim großen Metal-Quiz würde der Symphonic-Fetischist aus Finnland bei der Unterschlagung von gleich den ersten vier Pantera-Alben und ohne die frühen Iron Maiden-Scheiben im Gebetsrepertoire nicht gehören, dafür ist der verschlossene NIGHTWISH-Komponist/Keyboarder Tuomas Holopainen mit der Routine von Hunderten von Interviews als Diplomat gewachsen, der unangenehmen Fragestellungen galant ausweicht, sich nicht aus dem Konzept bringen läßt und dennoch gerade im nicht Gesagten die manchmal entscheidenden Auskünfte gibt. "Wie du schon angedeutet hast, hüte ich mich davor, meine Texte zu intensiv zu kommentieren. Das ganze Album bezieht sich auf das Thema von Kindheit, Unschuld und beider Verlust, ohne jedoch ein Konzeptalbum im Sinne einer durchgehenden Story zu sein." Aussagen dieser Gewichtsklasse verbucht man gemeinhin unter ferner liefen; wenig gehaltvolle Informationen werden mit einer Andeutung von Intimität versehen. Da scheinbar aus dem penibel geplanten Produktionsablauf keine Dateien mit Tuomas Lyrics separiert und versandt werden konnten, wurde einem vorzeitigem Textstudium geschickt der Garaus gemacht. Anders verhält es sich mit dem bereits vorliegendem Cover, bei dem Markus Mayer gleichermaßen vom Stimmungsbild als auch in der Motivwahl auf Bewährtes zurückgreifen konnte/sollte. Klammert man die optische Aufmachung der "Over The Hills And Far Away"-Semi-Live-CD aus, stützte sich das gestalterische Konzept bislang auf (zumeist) nächtliche Naturszenarien, deren Stille und Frieden durch maximal ein anwesendes Menschenkind kaum gestört wird. Den abgebildeten Personen gemein ist weiterhin stets ein suchendes Moment, der Ausdruck eines letztlich illusorischen Wunsches. "Wir führen die bewährte Formel weiter. Ich sehe die Verbindungen zu den früheren Covern, gerade im verbindenden Element des Wassers. Eines Tages hatte ich eine Vision, die ich dem Künstler mitteilte, der schon "Wishmaster" gestaltet hat." Viele Sedimente aufgewühlt in der blauen Lagune haben die Begleiterscheinungen von Marco Hietalas beruflicher Umorientierung; damals noch Bassist von Sinergy, bestritt er mit seinen Mitmusikern das Vorprogramm von NIGHTWISH auf der letzten Tour. Als Tarjas humorvoller Duettpartner des damals schon live aufgeführten 'The Phantom Of The Opera' hinterließ der Metal-Veteran einen bleibenden Eindruck; diese Präsenz genügte, um ihn zum idealen Session-Ersatz für den ausgestiegenen Sami Vänskä weiter zu integrieren. Der im Rückblick für die orakelnde Nostradamus-Fraktion unvermeidliche sich anschließende fliegende Wechsel verändert die Kreativkonstellation von NIGHTWISH erheblich; bis dato galt Tuomas unhinterfragt als einziger Komponist (und Texter), die Ambitionen der übrigen Musiker in diesen Belangen hielten sich in Grenzen, gerade weil kaum einer von ihnen sich in der Rolle bislang profiliert hat. "Von mir stammen nach wie vor 98 % der Songs; Marco hat den ersten Teil von 'Beauty Of The Beast' maßgeblich beeinflußt, Emppu einige Riffs eingebracht." Mit der Wahl des Openers setzte Tuomas auf Nummer sicher, wenngleich in Metal-Kreisen gemeinhin ein härteres Kaliber in dieser Funktion vorgeschoben wird. "Der Song 'Bless The Child" schloß sich zeitlich direkt an "Wishmaster" an und wurde schon zu dem Zeitpunkt von mir als Eröffnung des nächsten Albums auserkoren. Lyrisch wie musikalisch faßt er den Kern von „Century Child“ zusammen, wie eine Inhaltsübersicht. Darüber hinaus ist es wegen der cineastischen, visuellen Qualität mein persönlicher Favorit. 'Bless The Child" macht auch mit einigen neuen Elementen vertraut; zum ersten Mal stand uns ein volles Orchester zur Verfügung, ebenso ein externer Chor. Alles wurde bis zum Limit ausgereizt, ohne dabei den NIGHTWISH-eigenen Sound zu vernachlässigen. Das Stadtorchester war bei 35 Musikern mit allen relevanten Streichern und Bläsern bestückt, der Chor aus Helsinki konnte gar mit 40 Stimmen aufwarten. Nachdem wir die Drums im Finnvox aufgenommen hatten, gingen wir für die weiteren Bandinstrumente zurück in unsere Heimatstadt Kitee; wiederum ungefähr 100 Kilometer davon entfernt wurde das Ganze um die Tonspuren des Orchesters ergänzt, bevor sich der Kreis im Finnvox für den Gesang, die Chöre, Tin Whistles - 'Forever Yours' sollte einen keltischen Folk-Einschlag haben - und den Mixvorgang schloß. Für mich war diese Odyssee mit dem größten Aufwand bisher verbunden; das Material war so komplex, daß ich dachte, nie zu einem Ende zu kommen. Tarjas Stimme strotzt immer noch vor Kraft, aber ich wollte von Anfang an diese strengen Opern-Vibrations und die ganz hohen Töne aus den Gesangslinien entfernen. Es sollte nicht poppiger werden, aber...einfacher für das Ohr. Sie hat diese Vorstellung perfekt umgesetzt, wie man jedem einzelnen Song anmerken kann. Um das härteste NIGHTWISH-Album zu erzielen, stehen Baß und Gitarre zeitweise weiter als gewohnt im Vordergrund. Diese Dynamik befriedigt mich ungemein, die Wechsel zwischen Atmosphäre und Brutalität sind wirklich gelungen." Wähnte man den kleinen barfüßigen Jungen vom "Wishmaster"-Cover nach 'Dead Boys Poem' in die ewigen Jagdgründe eingezogen, belehrt der gesprochene Part von 'Bless The Child' eines Besseren. "Es ist tatsächlich derselbe, nunmehr siebzehnjährige Sprecher. Alle vier NIGHTWISH-Alben kreieren eine eigene Welt, deren Geschlossenheit in wiederkehrenden Textmotiven und Benennungen zum Ausdruck kommt. Was den vermuteten religiösen Einschlag von 'Bless The Child' betrifft: ich schätze den ästhetischen Gehalt aller Religionen, die symbolischen Werte. Mich selbst würde ich nicht als religiös bezeichnen; Bräuche und Kulturen interessieren mich. Religion ist stets ein Teil der Kultur, es fasziniert mich zu beobachten, wie Menschen glauben." Mit einer kompositorischen Weiterführung des letzten Titelsongs wartet 'End Of All Hope´ auf. "Der Arbeitstitel dafür war intern 'Re-Wishmastered'. Der Verlust der Hoffnung ist das endgültige Ende, deshalb ist der Song nicht so düster, wie er vom Titel her sein sollte. Hoffnung ist das letzte, was ein Mensch verlieren kann, das Kind in sich selbst. Hoffnung ist das höchste Gut. Vor dem Gitarrensolo war ursprünglich auch ein Keyboardsolo vorgesehen, welches mich so nervte, daß wir es noch beim Mastern entfernt haben; deshalb ist diese Sektion so kurz. Tarja war zunächst sehr skeptisch, ob sie mit ihrer klassisch trainierten Stimme den neuen Anforderungen gerecht würde, jetzt betrachtet sie die Sessions als die für sie komplikationslosesten und entspanntesten, was die Zufriedenheit mit ihrer Leistung noch bekräftigt. Die Interaktion zwischen der härteren Musik und ihrer im Gegenzug sanfteren Stimme funktioniert blendend." So definiert anscheinend jeder Heaviness und Härte ein wenig anders. 'Dead To Te World' konfrontiert erstmals auf Tonkonserve mit dem singenden Bassisten, dessen (geringer) Anteil an den Gesamt-Leadvocals die angestammte Sängerin offenbar nicht mit Verlustängsten erfüllte. Wie schnell eine solche Situation eskalieren kann, exerzierten Accept mit 'Predator' gegen Ende ihres zweiten Frühlings vor, als der vormals vereinzelt Balladen einsingende Peter Baltes plötzlich quantitativ enorm aufschloß und nachdrücklich an Udo Dierkschneiders Ego kratzte. "Als Sami bekanntgab, nicht mehr bei NIGHTWISH spielen zu wollen, suchten wir exzessiv nach einem Bassisten mit Leadsinger-Qualitäten, weil ich für die neuen Songs eine männliche Stimme brauchte. Marco ist zehn Jahre älter, aber trotzdem genau so ein Hooligan wie wir (und das von der Introvertiertheit in Person - Anm. d. Verf.). Er mochte schon die ersten drei Alben, ohne daß sie ihn tief berührt haben, doch die neuen Songs bedeuten ihm sehr viel. Sein Gesang bei Tarot Mitte der ´80er unterscheidet sich kaum von seiner Stimmführung bei uns. Tarja war mit dieser Wahl sehr zufrieden, da sie für das Songwritng neue Horizonte eröffnet. Live wird sie auch davon profitieren, einen verläßlichen Backgroundsänger zur Seite zu haben." Aus dem Vollen schöpft die zielstrebig die Spitze der finnischen Charts erklimmende Single „Ever Dream“, hier wurden die Gestaltungsmöglichkeiten des Orchesters massiver genutzt. "Gerade das Ende dieses Songs ist einer der Höhepunkte des ganzen Albums; da es der traditionellste Song für unsere Verhältnisse ist, haben wir ihn ausgekoppelt, wenngleich es sicher stärkere Kompositionen gibt. Für die Orchestrierung habe ich mit einem außenstehenden Arrangeur zusammengearbeitet; in einem ersten Meeting führte ich ihm Demo-Aufnahmen aller Songs vor, auf denen die betreffenden Parts von meinem Keyboard ausgefüllt wurden. Ich wollte mich an Hans Zimmer orientieren; seine Kompositionen sind so nah an Gott wie irgend möglich. Von ihm sind die Scores für "Gladiator", "Crimson Tide" und "The Rock". Neben vielen Samples und unterschiedlichen Percussion-Elementen vermischt Hans Zimmer perfekt synthetische Sounds und wirkliche Orchesterstücke. Für "Pearl Harbor" hat er extrem schöne, langsame Musik konzipiert. Vangelis ist auch phantastisch." Lange hinausgezögert und von 'Forever Yours' butterweich abgefedert geht 'Slaying The Dreamer' tatsächlich in die von Tuomas für das ganze Album beanspruchte Härteoffensive, bei der speziell die zweite Songhälfte des Schusters Leistenbruch zu einer schmerzhaften Angelegenheit werden läßt. "Bis zum heftigen Part habe ich auf dem Keyboard komponiert; danach mußte ich auf der Gitarre weitermachen, selbst wenn ich nur drei Akkorde beherrsche. Ich habe einfach drauflosgespielt, und das kam dabei heraus (ehrlich ist er immerhin - Anm. d. Verf.). Pantera sind seit "Cowboys From Hell" meine Faves gewesen, ich liebe ihre ersten drei Alben (Was denn nun? – d. Historiker) und 'Hollow' ist ihr bester Song. Als 'Slaying...' entstand, war ich persönlich sehr angespannt und angepißt, ein Ausblick auf kommende Alben soll darin nicht gesehen werden. Das "Infinity"-Album habe ich noch nicht gehört, daher kann ich die vorgetragenen Parallelen von 'Forever Yours' zu dem Material nicht nachvollziehen." Da Tarja zusammen mit der Edenbridge-Sängerin und Candice Night eben jenem Album des argentinischen Gitarristen und Songwriters Beto Vasquez ihre Stimme lieh, erscheint die letzte Äußerung wie eine gekränkte Zurückweisung. Dagegen wirkt die ebenfalls vorgebrachte Celine Dion-Kategorie fast wie ein Trostpflaster. Unwesentlich zackiger, mit einem kristallklarem David Coverdale-"emotion/devotion"-Reim gepaart, hätte 'Ocean Soul' das Zeug zu einem weiteren finnischen Grand Prix-Anwärter nach 'Sleepwalker' gehabt. "Vielleicht ist es der persönlichste Song, den ich bislang über mich selbst geschrieben habe. Es ist ein sehr simpler Song, der auf der männlichen Chormelodie basiert, die sich unterschwellig durch den Song zieht. 'Feel For You' ist dagegen geradezu wirr, ich selbst hatte lange keinen direkten Zugang zum Song. Das Arrangement verändert sich dauernd, es gibt keinen richtigen Refrain. Es existieren mehrere Demos, die sich völlig von der Albumversion unterscheiden, da andauern Parts umgeschrieben und verschoben worden sind. Insgesamt haben wir 12 Stücke in petto; zehn davon stehen auf dem Album, 'Wayfaerer' findet als Japan-Bonus Verwendung und ist auf der finnischen „Ever Dream“-Single. Übrig bleibt ´Lagoon', die B-Seite für die zweite Auskopplung." Über die vorprogrammierte Flut an limitierten Sonderauflagen und Toureditionen vermochte Tuomas noch keine Prognosen abzugeben, da die unterschiedlichen Plattenfirmen mit ihren Lizenzen offenbar nach Belieben verfahren. 'Sleepwalker' jedenfalls hätte nach dem Willen der Band zu den Akten gelegt werden sollen. "Zumindest ich wurde nie bezüglich Aktionen wie der "Wishmastour 2000"-Compilation von den Firmen gefragt. 'Sleepwalker' sollte schließlich der "Deep Silent Complete"-Single vorbehalten sein; daß mittlerweile weitere Versionen davon im Umlauf sind, macht mich nicht gerade glücklich." Nach Gary Moores 'Over The Hills And Far Away' haben sich NIGHTWISH bei der Umsetzung von Fremdmaterial wieder dem Musical-Genre zugewandt; in Unkenntnis des Iron Maiden-Debut-Klassikers 'Phantom Of The Opera' wahrscheinlich die ehrlichere Entscheidung. "Die ganzen Arrangements sind so nahe an NIGHTWISH, hätte Mr. Andrew Loyd Webber (Sir!!! - Ihr wißt schon wer) das Stück nicht komponiert, könnte es von uns sein. Alle Melodien, der Chor, die Basisstrukturen mit dem Wechselgesang, das sind wir. Das Maiden-Stück habe ich noch nie gehört. Mit Paul Di'Anno? So it's old stuff." Halbe Punkte gibt es nicht. „'Beauty Of The Beast' ist das Epischste, was wir je gemacht haben und mit 140 belegten Spuren auch das Aufwendigste. Gerade der Anfang präsentiert uns düsterer als gewohnt, Chor und Orchester haben ganze Arbeit geleistet." Mit den nunmehr unter Nattvind zirkulierenden ehemaligen Nattvindens Grat hat Tuomas ebenso gebrochen wie mit Furthest Shore, von denen er seit drei Jahren nichts mehr gehört haben will. Dabei könnte sich ein vergleichsweise unkompliziertes und weniger aufwendiges zweites musikalisches Standbein neben NIGHTWISH nach der auf drei Monate ausgerichteten "Century Child"-Tour durchaus rentieren. So Tarja nur die zum Beenden ihres Studiums in Deutschland nötige Auszeit nimmt und nicht doch die Split-Gerüchte näher an der Wahrheit liegen, könnte die Langeweile in den Monaten nach den Gigs besorgniserregende Zustände annehmen. "Das bleibt abzuwarten; ich wollte immer schon Filmmusik schreiben; vielleicht ergibt sich da etwas. Alle Gerüchte um die Zukunft der Band beruhen auf einem einzigen großen Mißverständnis, über das man fast lachen könnte, wenn es nicht so tragisch wäre. Gerade was die Beziehungen zwischen Sinergy und uns betrifft, sollten sich Außenstehende nicht zu viele Gedanken machen. Die Leute, die sich im Internet darüber auslassen, sind oft gar nicht mit den Fakten vertraut. Die Medien stürzen sich natürlich auf solche ihnen als Dramen erscheinenden Begebenheiten. Tarja wird sich nach der Tour mit After Forever und Charon voll auf ihr Studium konzentrieren und nach einem Jahr werden wir sehen, wie es weitergeht. Ich werde jedenfalls im Anschluß an die Auftritte an neuen Songs arbeiten. Eine Pause wird uns allen gut tun."

added by Robin on 07.05.06article also available in:  | printer friendly version

(c)2006 Nightwish Bibliotheca
Nightwish-Bibliotheca.com is a project of Ever Dream Fanclub
Copyrights and trademarks for the photos, articles and other promotional materials are held by their respective owners.