Start :: All Articles :: Add new article :: Extended Search

Add new translation

[Original] Metal Heart: Nightwish - Wie ein Schwan das Fliegen lernte - die sehr persönliche Seite von Nightwish-Sängerin Tarja Turunen (2003-11) - Articles

Ein bisschen Traurigkeit überkommt sie immer noch, wenn sie an ihre Schulzeit zurückdenkt. Es hätte eine so schöne Zeit sein können, wenn die Mädchen aus ihrer Klasse nicht gewesen wären. Junge Frauen können ziemlich grausam sein. Dabei hat sie keiner von ihnen je etwas getan. Oder kann sie etwas dafür, dass sie seit jeher gerne und gut singen kann?

Erst Jahre später bricht die Nightwish-Sängerin Tarja Turunen ihr Schweigen. Sie gibt einer finnischen Tageszeitung, die eine Reportage über Mobbing an der Schule plant, ein Interview über ihre Erlebnisse als Teenager. Jahrelang wurde sie von ihren Mitschülerinnen gehänselt, verspottet und schlecht behandelt, nur weil diese eifersüchtig auf sie waren; neidisch auf ihre Stimme und auf den Erfolg, den sie schon damals als Sängerin hatte. Tarja empfindet es als große Erleichterung, endlich über damals zu sprechen, sich alles von der Seele zu reden, und will gleichzeitig anderen Schüler(inne)n Mut machen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden wie sie früher selbst. Ihre Aussage bringt eine regelrechte Lawine an Reaktionen ins Rollen...
Wir haben uns mit Tarja Turunen unterhalten und dabei noch tiefer hinter die Kulissen einer der schönsten zeitgenössischen Vokalistinnen geblickt, als es die lang ersehnte DVD "The End Of Innocence" von Nightwish tut.
Als etwas scheu würde sich Tarja auch heute noch bezeichnen. Wenn ihr jemand ein Kompliment macht, dann nimmt sie das nicht als selbstverständlich hin, sondern empfängt es mit ihren sensiblen Antennen und freut sich tief darüber. Ob sie gut singt? Das mag sie selbst nicht beurteilen. Sie tut es in erster Linie gerne. Seit sie sich erinnern kann. So wie andere Kinder für gewöhnlich anfangen zu sprechen, hat die kleine Tarja irgendwann, noch weit bevor sie richtig laufen konnte, angefangen zu singen. Zum ersten Mal aufgefallen ist sie damit im zarten Alter von drei Jahren. Auf einer Familienfeier hebt sie mitten unter den anwesenden Erwachsenen plötzlich an, ein Lied zu intonieren. Es ist ihre Mutter, die zuerst auf die kräftige, klare Stimme des Mädchens aufmerksam wird. "Ich selbst kann mich daran überhaupt nicht mehr erinnern, aber meine Mutter erzählt mir die Geschichte oft", lächelt Tarja. In einem Hotel in Helsinki bereitet sie sich auf die erste Amerikatournee in der Geschichte Nightwishs vor. Sie ist ziemlich aufgeregt, nimmt sich aber dennoch alle Zeit der Welt, um mit uns zu sprechen. "Ich muss auf einmal angefangen haben zu singen. Meine Mutter hat mich daraufhin nach oben auf den Tisch gesetzt, weil mich sonst niemand gesehen hätte. Das war wohl das erste Mal, dass ich vor einem Publikum gesungen habe."
Einige Jahre später nimmt ihre Mutter sie in die Kirchengemeinde mit. Dort gibt es einen Chor, der regelmäßig übt. Weil Tarja großen Gefallen daran findet und auch immer den Wunsch hegt, sich zu verbessern, bekommt sie zusätzlich Gesangsunterricht in einer Kindergruppe. "Der Chor ist bei allen möglichen Anlässen in der Region aufgetreten und ich war immer fleißig mit dabei", erzählt sie weiter, "Das hat mir riesigen Spaß gemacht. Mein ganz großes Idol war damals Whitney Houston. Ich habe mir immer gewünscht, genauso zu sein wie sie, und habe oft versucht, sie nachzuahmen. Meinem Gesangslehrer hat das gefallen. Er hat immer zu mir gesagt, dass ich eines Tages die nächste Whitney Houston werden würde. Irgendwann habe ich dann aber begonnen, eine klassische Gesangsausbildung zu machen. Er hat kein Wort mehr mit mir gesprochen. Ich glaube, er war ziemlich enttäuscht über meine Entscheidung und hätte gerne gehabt, dass ich weiter Soul singe."
Mit 15 Jahren absolviert Tarja ihren ersten Auftritt vor etwas mehr als 1000 Zuschauern. Es handelt sich um ein Weihnachtskonzert in der Kirche, bei dem sie über eine Stunde lang als Solistin beeindruckt und von dem auch noch Monate später die ganze Gegend spricht. Ihre Altersgenossinnen können sich allerdings nicht für Tarja freuen. Sie beneiden sie, weil sie so talentiert ist und immer so viel Aufmerksamkeit auf sich zieht. Sie würden selbst gerne im Mittelpunkt stehen und sind eifersüchtig auf Tarja. Irgendwann schlägt ihr Neid sogar in Hass um. "Mein Hals hat sich jeden Morgen aufs Neue zugeschnürt, wenn ich das Schulgebäude betreten habe" erinnert sich Tarja noch genauestens zurück. "Jeden Tag haben sich diese Mädchen neue Gemeinheiten ausgedacht, mit denen sie mich traktiert haben. Sie haben mich gehänselt, mir Streiche gespielt und mich so richtig fertig gemacht. Ich habe das nie wirklich verstanden, weil ich ihnen ja gar nichts getan hatte. Aber ich habe trotzdem ganz genau spüren können, wie sehr sie mich hassen. Das hat mich sehr verletzt."
Tarja leidet unter ihren Mitschülerinnen. Den Unterricht besucht sie nur noch ungern und immer mit der Angst, das Opfer neuer Attacken zu sein. In jeder Schulstunde. Immer tiefer graben sich die seelischen Wunden, die die Mädchen aus ihrer Klasse ihr zufügen. "Ich konnte überhaupt nicht mehr schlafen und wurde noch stiller und schüchterner, als ich es ohnehin schon war. Mich zur Wehr zu setzen wäre mir im Traum nicht eingefallen. Ich hätte gar nicht gewusst, wie."
Also zieht sich Tarja zurück in eine Art Schneckenhaus und erduldet die Gemeinheiten ihrer Mitschülerinnen. Sie muss in dieser Zeit zum ersten Mal erfahren, dass Erfolg und Einsamkeit sehr nahe beieinander liegen können. Die einzigen Freunde, die sie währenddessen hat, sind Jungen. Die sind nicht neidisch auf Tarja, sondern bewundern und respektieren sie.
Ein wenig später findet sie ihren ersten festen Freund und mit ihm etliche wirkliche Freunde, die allesamt älter und reifer sind als die Jugendlichen in ihrer Klasse. Sie sind in der Lage, Tarja so zu akzeptieren, wie sie ist, und in ihr den Menschen und nicht die Sängerin zu sehen. Der Kontakt zu ihnen hilft ihr, ihre schlimmen Erfahrungen allmählich zu verarbeiten und wieder mehr aus sich herauszugehen. "Es hat insgesamt aber schon sehr lange gedauert, bis ich alles überwunden hatte", ist ihr heute bewusst.
Dann jedoch beginnt sie, genau das Richtige zu tun - sie spricht über ihre Erlebnisse und lässt jeden davon wissen. Auch heute noch ist sie dazu bereit und empfindet es als sehr wichtig, nicht zu schweigen: Als eine ostfinnische Tageszeitung vor einer Weile einen Artikel über Hänseleien an finnischen Schulen publiziert, steht sie dem Redakteur für ein Interview bereit. Den Namen ihrer Schule gibt sie dabei allerdings nicht preis. "Irgendwie hat der Journalist die Schule trotzdem herausgefunden und hat ihren Namen in seinem Bericht erwähnt. Ich habe ein paar Tage später einen Brief vom Schuldirektor erhalten, der mir darin mitgeteilt hat, wie sauer er auf mich sei, dass ich sowas erzählt habe. Die Schule hatte natürlich Angst, dass ihnen Schüler wegbleiben, weil sie nach dieser Geschichte dort nicht mehr hingehen wollen. Gerade weil ich in Finnland so berühmt bin, war es der Schule natürlich auch peinlich."
Tarja tritt mit ihrem Interview ein Welle an Geständnissen los. Plötzlich wagen es noch viele andere (ehemalige) Schüler, über ihre Erfahrungen mit Mobbing zu sprechen. "Es ist wichtig, sich Luft zu machen und offen darüber zu reden", weiß Tarja heute. "Nur so findet man einen Weg aus den Hänseleien. Das erfordert viel Mut, weil man ja mit der Zeit immer schüchterner wird und sich immer mehr in sich selbst zurückzieht, aus Angst, mit jedem Schritt, den man macht, eine neue Grausamkeit der Mitschüler zu provozieren. Aber dadurch bietet man ihnen immer noch mehr Angriffsfläche und wird noch verwundbarer."
Wenn Tarja heute an ihre ehemaligen Klassenkameradinnen denkt, empfindet sie immer noch so etwas wie Hass für sie. Sie kann es nach wie vor nicht verstehen, wie sie ihr das alles haben antun können, und hat mit ihnen, so gut es geht, abgeschlossen. Sie ist froh, diese Personen nicht mehr sehen zu müssen und keinen Kontakt mehr zu ihnen zu haben. "Wenn man mir heute anbieten würde, sie wiedersehen zu können, dann würde ich das ablehnen", sagt sie entschlossen. "Ich will diese Gesichter nicht mehr anschauen müssen. So ganz verziehen habe ich ihnen einfach noch nicht, und das werde ich wohl auch nie können. Ich kann heute über meine damaligen Erlebnisse sprechen und fühle mich befreit. Aber wenn ich an die Mädchen zurückdenke, die all das gemacht haben, dann werde ich immer noch traurig. Ich bin froh, dass sie nicht mehr zu meinem Leben gehören."
Einladungen zu Klassentreffen wandern bei Tarja daher grundsätzlich in den Müll. Es interessiert sie nicht, was diese Menschen heute machen, und sie verspürt nicht das Bedürfnis, an derlei Veranstaltungen teilzunehmen. Die Nightwish-Stimme fühlt sich in ihrem Leben mittlerweile wohl und ist sehr dankbar, inzwischen genau die Menschen um sich herum zu haben die ihr gut tun.
Bis sie das von sich behaupten kann, müssen allerdings noch einmal etliche Jahre ins Land ziehen. Sie wird Sängerin von Nightwish und erlebt mit der Band eine Erfolgsgeschichte wie kaum eine zweite. Doch je höher die Alben der Gruppe in den Charts nach oben klettern, desto mehr so genannte Freunde entpuppen sich als Nutznießer, die sich einfach nur im Dunstkreis der berühmten Tarja aufhalten möchten.
"Ich habe früher sehr viele angebliche Freunde gehabt, die sich, je berühmter Nightwish geworden sind, immer stärker für mich interessiert haben. Sie haben dabei allerdings nicht mich als Menschen, sondern mich als Nightwish-Sängerin gesehen und sich nur deswegen gerne mit mir abgegeben", erzählt sie. "Als ich das gemerkt habe, war ich tief verletzt. In einer Freundschaft will ich schließlich als Mensch gesehen werden und nicht als Star oder als jemand, der diesen Leuten Vorteile verschaffen kann."
Die Personen, die nach dem Prozess des Immer-berühmter-Werdens übrig geblieben sind, sind Tarjas wahre Freunde. Sie kann ihnen vertrauen - derjenige Aspekt der Freundschaft, der für sie am meisten zählt. Auch wenn sie sich nur ein Mal im Monat per e-mail bei ihnen melden kann, weil sie ständig unterwegs ist, halten sie stets zu ihr und lieben völlig unabhängig von Nightwish ihre Tarja, "Sie freuen sich immer, wenn sie von mir hören, und ich spüre, dass sie zu mir halten", schildert die Nightwish-Stimme. "Ich vermisse sie sehr, wenn ich auf Tour bin, und denke oft an sie. Wann immer es geht will ich sie sehen."
Oftmals bietet sich dazu, seit Nightwish weltweit so großen Erfolg genießen, nur eine wirkliche Gelegenheit: Weihnachten. Diese Jahreszeit liebt Tarja über alles und widmet sie ausschließlich ihren Freunden und ihrer Familie. "darauf freue ich mich jedes Jahr wie ein Kind", lächelt sie. "Seit ich so viel unterwegs bin, freue ich mich manchmal sogar noch mehr drauf als in meiner Kindheit. Es ist für mich die einzige Möglichkeit, wirklich abzuschalten und mich in meiner Familie so richtig geborgen zu fühlen."
Zu ihrer Familie gehören vor allem Tarjas zwei Brüder und ihre Mutter, zu der sie ein ganz besonders inniges und freundschaftliches Verhältnis pflegt. Mama Turunen ist stolz auf ihre Tochter und unterstützt sie, wo sie nur kann. "Sie ist mit die wichtigste Person in meinem Leben", sagt Tarja über sie. "Sie gibt mir so viel Kraft, wenn ich mit ihr spreche, und egal wo auf dieser Erde ich mich befinde, sie ist immer für mich da und hört mir zu." Ihre Mutter ist letztendlich auch das Zünglein an der Waage gewesen, weshalb die stimmgewaltige Finnin ihre klassische Gesangsausbildung in Karlsruhe im Sommer abgebrochen hat und in ihr Heimatland zurückgekehrt ist. "Ich habe meine Heimat einfach zu sehr vermisst und habe es in Karlsruhe einfach nicht mehr ausgehalten", gibt sie zu. "Die Tatsache, so weit von meiner Familie entfernt zu leben und sie nicht sehen zu können, wann ich möchte war einfach schlimm für mich. Ich will damit nicht behaupten, dass es mir in Karlsruhe nicht gefallen hätte, bitte versteht mich da nicht falsch! Ich hatte eine ganz tolle Zeit dort und habe mich im Studium auch immer sehr wohl gefühlt. Aber ich war dort einfach nicht richtig zu Hause und das bin ich jetzt wieder - und es fühlt sich phantastisch an."
Wirklich bei ihrer Familie ist Tarja jetzt allerdings auch nicht. Auch wenn sie wieder in Finnland wohnt, trennen sie dennoch 500 Kilometer von ihrer Mutter, Allerdings 500 Kilometer im eigenen Land, und die sind viel leichter zu bewältigen als vom Ausland nach Hause. "Man kann sich so viel schneller mal einfach in den Zug setzen und muss nicht erst einen Flug buchen und mit der Uni koordinieren, um zu Hause einen Besuch abstatten zu können", erzählt Tarja.
Beenden wird sie ihre klassische Gesangsausbildung in Karlsruhe übrigens trotzdem. Sie bekommt von der Universität Privatstunden und fliegt, um sie zu nehmen, immer wieder zwischendrin nach Deutschland. Tarja wird das so lange machen, bis ihre Ausbildung offiziell abgeschlossen ist, und hat somit einen Weg gefunden, alle ihre Wünsche umzusetzen. Sie kann studieren, bei ihrer Mutter sein und - wohl für die Fans am wichtigsten - weiterhin Sängerin von Nightwish bleiben.
Mit der Band versteht sie sich seit ihrer Rückkehr nach Finnland wieder richtig gut. Indem sie öfter mit Tuomas Holopainen und den anderen zusammensein und mit ihnen proben kann, hat sich die zeitweise recht angespannte interne Lage verbessert. Kurzum: Nighwish werden Nightwish bleiben, ohne Line-Up-Wechsel. Und daran hat die komplette Formation wieder richtig Spaß. Jeder scheint glücklich zu sein, dass sich mit Tarja nun doch noch alles zum Guten gewendet hat. "Die Jungs sind eben ganz anders als ich", lacht die zierliche Finnin. "Das hat auf den ersten Touren zu einigem Missmut auf beiden Seiten geführt, aber wir haben mittlerweile gelernt, uns zu arrangieren und uns gegenseitig so zu akzeptieren, wie wir nun mal sind."
Ganz anders" bedeutet im Fall Tuomas Holopainen & Co.: Party nach den Shows, Alkohol, lautes Gelächter und Pornos gucken im Tourbus. Tarja hat für diese Art von Tourleben nicht viel übrig. "Auf den Touren, die wir zu den ersten beiden Alben gemacht haben, ist mir das alles unheimlich auf die Nerven gegangen", verrät sie. "Ich wollte einfach nur schlafen und meine Ruhe, habe aber ständig die andern beim Feiern gehört, Inzwischen können wir uns viel besser verständigen. Die Jungs finden es okay, dass ich nicht mit ihnen Party machen will, und geben darauf Acht, dass sie mich nicht beim Schlafen stören. Und ich freue mich für sie, wenn sie sich betrinken können."
Auch wenn Tarja es immer noch lieber mag, in einem Hotelzimmer ganz für sich zu sein, als sich den Tourbus mit Band und Crew teilen zu müssen, kann sie sich inzwischen über ihre Mitmusiker amüsieren. "Im Prinzip sind sie ja süß, wenn sie trinken und feiern", grinst sie. "Sie wirken dann wie kleine Kinder, denen man mit einer Flasche Bier eine riesige Freude bereiten kann. Ich habe inzwischen verstanden, wie sehr sie das genießen, und gönne es ihnen von ganzem Herzen."
Zu Tarjas Leben hingegen werden exzessive Feiern nie gehören. Sie ist, auch bedingt durch ihre Erfahrungen als Jugendliche, ein sensibler, tiefsinniger, ernsthafter Mensch, der wahre Freundschaften und ein Gläschen Rotwein schätzt, sich aber nicht zu schnellen Genüssen hingezogen fühlt. So hat Tarja, genauso wenig, wie sie bisher eine richtig ausschweifende Party gefeiert hat, in ihrem Leben auch noch nie einen Onenightstand gehabt. "Das ist absolut nichts für mich", meint sie entschlossen. "Es ist einfach nicht die Art von Gefühl, die ich für Männer empfinde."
Tarja ist ein Mensch, der lange Beziehungen zu schätzen weiß. Und auch sehr braucht, wie sie ganz offen zugibt.
"Ich benötige sehr viel Rückhalt", beschreibt sie. "Ich brauche jemanden an meiner Seite, der mir Kraft gibt und mich vorantreibt. Alleine fühle ich mich kraftlos und habe oft nicht den Mut, etwas zu machen. In solchen Momenten brauche ich dann jemanden, der mir zur Seite steht, mich versteht und mir sagt, dass ich es schaffen werde."
Innere Schönheit und die Möglichkeit, sie selbst bleiben zu können, sind ihr dabei bei einem Mann am allerwichtigsten. "Viele meinen, dass sie sich für ihren Partner verbiegen müsse", hat sie beobachtet. "Sie gehen zu viele Kompromisse ein, weil sie denken, anders funktioniere die Beziehung nicht. Für mich funktioniert hingegen eine Beziehung nur dann, wenn man sich gegenseitig als Individuen respektiert und wenn man sich wechselseitig in dem unterstützt, was man tut. Männer, die eifersüchtig sind auf meinen Job oder auf die Menschen, die mich täglich umgeben, helfen mir nicht weiter."
Als perfekt empfindet Tarja blindes Vertrauen - und Verständnis. "Die schönsten Momente sind doch diejenigen, in denen man einfach ohne zu sprechen nebeneinander sitzt und trotzdem ganz genau weiß, dass man sich versteht", findet Tarja, "Das ist ein wunderschönes Gefühl."
Blindes Vertrauen muss im Fall der finnischen Ausnahmestimme oftmals über sehr viele Kilometer hinweg reichen. Den ganzen Sommer über ist sie jedes Wochenende mit Nightwish unterwegs - als krönender Tourabschluss folgt eine Amerikatournee, in deren Verlauf sie binnen einer Woche in Atlanta, New York, Montreal (Kanada) und Mexico City auftreten darf. Obwohl Tarja vor dieser Tour noch nie in den USA war, hat sie bereits einige ihrer dortigen Fans kennen gelernt - bei Konzerten in Europa. "Manchmal ist es wirklich unglaublich, wie weit Menschen reisen, nur um uns live zu sehen", erzählt sie. "Mir fällt es schwer zu verstehen, was das Tolle an uns sein soll und was die Zuschauer so sehr fasziniert. Natürlich spüre ich, dass wir wohl etwas Gutes für die Leute tun, wenn wir ihnen so viel Begeisterung entlocken, und das macht mich glücklich und auch ein bisschen stolz."
Die Sterne könnten momentan nicht besser stehen für Tarja. Die Zeit der Hin und Hergerissenseins hat ein Ende. Sie muss sich nicht mehr zwischen Nightwish und ihrer Gesangsausbildung entscheiden, muss nicht mehr zwischen Finnland und Deutschland pendeln. Die zierliche Frau mit dem klaren, makellosen Gesicht hat es - ihrer Ausdauer und ihrem Mut sei Dank - geschafft, all ihre Träume zu vereinen. Obwohl: Einen kleinen Traum hegt sie noch wie vor; tief im Verborgenen: Sie sieht sich darin als Schauspielerin in einem Film. Irgendwo in der Zukunft... "Das ist so ein heimlicher Kindheitstraum von mir" verrät die Finnin, die ihre ehemaligen Mitschülerinnen auf ihre Weise zu besiegen gelernt hat,. "Allerdings keine Rolle in so einem Tomb Raider-Streifen, sondern etwas, das zu mir passt. Etwas Gefühlvolleres. Als Kämpferin sehe ich mich nämlich nicht unbedingt."
www.nightwish.com
Sandra Eichner


Nightwish, London, Mean Fiddler, 31.08.2003
Das allererste Englandkonzert in der Geschichte der Band entpuppt sich als voller Erfolg!


Mit so viel nordischem Schwermetall sah sich Großbritannien seit der Bekanntschaft mit einigen Tausend Wikingerschwertern im neunten Jahrhundert nicht mehr konfrontiert: Children Of Bodom, Stratovarius, Evanescence - Bands aus Finnland haben Hochkonjunktur, und Nightwish bilden da keine Ausnahme. So wurde es Zeit, Nägel mit Köpfen zu machen, und daher spielte die Gruppe am 31.08. ihren ersten London-Gig überhaupt. Zu verlieren gab's eh nix, die Show war bereits Wochen im Voraus bis auf den letzten biergetränkten Quadratzentimeter des Mean Fiddler ausverkauft. Dass es überhaupt irgendein Engländer geschafft hat, an Karten zu kommen, grenzt übrigens an ein Wunder angesichts der Menge angereister Fans, die schon Stunden vor Konzertbeginn die ersten Reihen vor der Bühne besetzen. Einheimischen und anderen Zu-spät-Gekommenen bleiben da nur noch die hinteren Ränge oder der Balkon. Von dort oben staunen die Hauptstädter hinunter in den Saal, in dem sich gerade die ganze Welt zusammendrängelt: Holländer, Iraner, Finnen, Polen, Italiener, Deutsche, ein Israeli und, und, und... Musik verbindet eben.
Derweil harren im Backstagebereich mehrere Flaschen Vodka ihrer Vernichtung. Und weil einige Mitglieder von Band und Crew im Selbstversuch herausgefunden haben wollen, dass der dicke Kopf am Morgen danach angeblich was mit "Kalziummangel" zu tun hat, stapeln sich gleich neben der Spritbatterie mehrere Tetrapaks Milch für den Präventivschlag. Die Musiker sind gut drauf - noch ein paar Photos, und dann hat, kurz vor 21.00 Ohr, das Warten ein Ende. Gerade als sich die zierliche Norwegerin in de ersten Reihe Sorgen um die Blutzufuhr ihrer Zehen zu machen beginnt, springt die schönste Frau seit es finnischen Metal gibt auf die Bühne und sprengt mit "Bless The Child" die Hütte. Dann geht es Schlag auf Schlag mit einer Setlist, die heute Abend leicht zugunsten der vorletzten LP "Wishmaster" ausschlägt, ansonsten aber gut durchsetzt ist mit Material von "Oceanborn" und "Century Child". Nightwish zeigen ihre Live-Routine vor wie andere ihre Rolex und machen mit einer supertighten Performance wett, dass die Stücke live deutlich von der perfektionierten Studioversion abweichen. Das Publikum singt fast alles mit.
Während Tarja keine Atempause aufkommen lässt, nimmt Basser Marco Hietala immer mal wieder abwechselnd einen aus der Vodkaflasche und der Wasserpulle zur Brust. Als sich Tarja kurz vor Ende des regulären Sets eine kurze Auszeit gönnt, ist seine Kehle so weit vorgeglüht, dass er für ein paar Songs einspringen kann. Für die Zugaben nimmt Tarjas Stimme dann noch mal Anlauf und schwingt sich bei einem Cover von Gary Moores "Over The Hills" so hoch hinaus, dass es einem schwindlig wird. Schließlich verabschiedet sich die Band von ihrem Londoner Publikum so wie von Freunden, die man am nächsten Abend ohnehin wieder trifft, So oder so ähnlich wird's ganz sicher auch kommen: der nächste Auftritt auf der Insel ist bloß eine Frage der Zeit.
Sandra Eichner


abgetippt von: KaiserClaudius


added by Robin on 08.05.06article also available in:  | printer friendly version

(c)2006 Nightwish Bibliotheca
Nightwish-Bibliotheca.com is a project of Ever Dream Fanclub
Copyrights and trademarks for the photos, articles and other promotional materials are held by their respective owners.