Start :: All Articles :: Add new article :: Extended Search

Add new translation

[Original] Metal Hammer: Studio Report: Der Schocker? (2004-05) - Articles

Studio Report: Der Schocker?

Wer glaubt, Nightwish aufgrund ihrer bisherigen vier Studioalben musikalisch hundertprozentig einordnen zu können, sollte sich auf eine Überraschung gefasst machen: Das neue Werk ‚Once’ (VÖ: 7.Juni) wirbelt das Bild dieser Band durcheinander – den Hörer erwarten Indianer-Gesänge, orientalische Klänge und Elektro-Beats. Keyboarder und Songwriter Tuomas Holopainen sucht die offene Provokation mit der Fangemeinde.

Ein kleines Raunen geht durch den Loose-Club in Helsinki, die Blicke der Journalisten suchen sich. Gerade ist ‚Once’ an ihren Ohren vorbeigerauscht – und bietet einige gewichtige Veränderungen im Vergleich zum letzten Werk ‚Century Child’ (2002). Anstatt sich auf die bewährte Erfolgsformel zu versteifen, hat Band-Kopf Tuomas Holopainen das Stemmeisen herausgeholt und seinem Sound neue Elemente eingetrichtert: Dazu gehören neben einem härteren Gitarren-Sound komplexere, fast schon progressive Song-Strukturen sowie das neue Machtverhältnis zwischen Rock-Instrumenten und Orchester – Hörner, Streicher und Harfen drängen im Großteil des Materials derart in den Vordergrund, dass man sich an ‚S&M’ von Metallica erinnert fühlt. „Die Songs von Metallica wurden aber nicht für Orchester geschrieben“, erklärt Tuomas den Unterschied zum neuen Nigthwish-Material. „Für ‚Once’ plante ich von Beginn an, die klassischen Elemente stärker in den Vordergrund zu stellen – deshalb sind sie in insgesamt neun Songs zu finden und genauso wichtig wie Gitarre, Schlagzeug und Gesang.“
Eingespielt wurden die Orchester-Parts in den Londoner Phoenix Studios (hier entstanden auch Teile der ‚Herr der Ringe’-Musik) unter der Leitung von Pip Williams, der bereits mit Uriah Heep und Status Quo zusammenarbeitete und an einer Vielzahl von Rock-, Soul- und Soundtrack-Projekten beteiligt war. „Sie nahmen die gesamten Teile innerhalb von nur zwei Tagen auf – ohne jegliche Proben“, ist Tuomas noch heute von der Musikalität der Beteiligten begeistert. „Die spielten einfach alles vom Blatt, unfassbar... Das sind die verdammt noch mal besten Musiker der Welt! Jetzt haben wir endlich mal Qualität auf einem unserer Alben“, witzelt der Songwriter mit einem Augenzwinkern. Er selber hatte wieder einmal für die Grundstrukturen der Songs gesorgt und diese dann zusammen mit Frontfrau Tarja, Bassist/ Sänger Marco, Gitarrist Emppu und Schlagzeuger Jukka ausgearbeitet. Fünf Monate wurde in der Band-Heimatstadt Kitee sowie in den Finnvox-Räumlichkeiten zu Helsinki unter Tuomas’ Anleitung an der Umsetzung gewerkelt. „Das sind acht Wochen mehr als sonst“, stöhnt der schmale Finne. „Es war das mit Abstand schwierigste Album, das wir jemals aufgenommen haben – trotzdem hatte ich immer ein gutes Gefühl bei der Sache. Diesmal entstanden viele Tracks nicht nur auf dem Piano, sondern auch auf der Gitarre. Deswegen sind die Riffs härter.“
Und extremer – ein Song wird in der Nightwish-Gemeinde für echtes Kopfzerbrechen sorgen: ‚Wish I Had An Angel’, ein ‚Elektroschocker’, der aufgrund seiner Computer-Beats und Rammstein-Riffs im Chorus stilistisch komplett aus dem Rahmen plumpst. „Ich kann mir vorstellen, dass 50 Prozent unserer Fans diesen Song hassen werden“, grinst Tuomas schon fast zufrieden. „Die Band ist sich hingegen einig, dass dies zum Besten gehört, was wir jemals geschrieben haben – deswegen wird ‚Wish I Had An Angel’ auch die zweite Singleauskopplung! Rammstein sind eine meiner Lieblingsbands. Ich will die Grenzen von Nightwish etwas aufbrechen. Ich mag es nämlich nicht, wenn die Fans uns zu sehr auf eine bestimmte Richtung festlegen.“ Aus derselben Motivation heraus entstanden auch ‚The Siren’ und ‚Creek Mary’s Blood’. Während erster Song mit orientalischen Einflüssen überrascht, präsentiert ‚Creek Mary’s Blood’ den amerikanischen Ureinwohner und Musiker John Two-Hawks vom Stamme der Lakota. „Ich hatte schon immer eine seltsame Faszination für die indianische Kultur und ihre Spiritualität. John Two-Hawks liest in dem Lied ein von mir verfasstes Gedicht zu Ehren seiner Ahnen vor – ich verstehe zwar kein Wort von dem, was er sagt, habe aber großes Vertrauen in seine Umsetzungsfähigkeiten“, lacht er.
Wie schon auf dem Vorgänger, kriegt auch Bassist Marco die Gelegenheit, auf einigen Tracks seine Rock-Stimme zu präsentieren. „Die Leute haben vielleicht erwartet, dass ich diesen Mann/Frau-Wechsel am Mikro noch extremer integriere, aber das ist ein recht schmaler Grad“, erläutert Tuomas. „Marco singt jetzt auf drei Liedern solo und in fünf im Background. Das genügt – ich wollte das nicht überstrapazieren. Im Gegensatz zu ‚Century Child’, auf dem es ein übergeordnetes Konzept gab, sollte auf ‚Once’ jeder Song seine eigene Individualität besitzen. Dementsprechend unterschiedliche Elemente findet man auf dem neuen Album. Es hat Spaß gemacht, elf Kurzgeschichten zu schreiben – im Endeffekt klingt ‚Once’ eher nach einem Soundtrack als nach Metal.“
---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------


Die Songs von ‚Once’

‚Dark Chest Of Wonders’
Gleich der erste Metal-Riff macht deutlich: Die Gitarren sind härter als bei allen Nightwish-Alben zuvor. Schmissiger Song, bei dem Tarja relativ tief singt und sich im Wettbewerb mit weiblichen Chören befindet. Nach einem Break erklimmt sie schließlich opernhafte Höhen, bombastische Orchestrierung setzt ein.

‚Wish I Had An Angel’
Der Spaltpilz des Albums! Gleich am Anfang setzt es den Elektro-Beat, danach übernimmt wieder Schlagzeuger Jukka das Kommando. Im von Marco gesungenen Refrain dann der unverhohlene Kniefall vor Rammstein: Es gibt klassische NDH-Riffs und Marsch-Rhythmen. Steigert sich zum Ende mit einem Haufen Chören und wuchtigen klassischen Arrangements.

‚Nemo’
Die erste Single. Verspieltes Piano-Intro, das in einen straighten Rhythmus übergeht. Gefühlvolle Melodieführung von Tarja, die in einen lockeren, verspielten Chorus überleitet. ‚Nemo’ verzichtet auf Komplexität – Single-Format eben. Im Mittelteil ziemlich episch, gefolgt von einem schönen Solo. Erinnert an HIM.

‚Planet Hell’
Der opernhafte Einstieg mit Männer- und Frauenchören vermittelt Soundtrack-Feeling. Der einsetzende Riff ist Metal pur und könnte auch von Manowar stammen. Marco und Tarja wechseln sich im Gesang ab, beide werden bei ihren Einsätzen von wuchtiger Klassik flankiert und sind dementsprechend wirkungsvoll. Eine Art ‚Nightwish Musical’!

‚Creek Mary’s Blood’
Vom Land der tausend Seen hinein in die US-Prärie. Mit Unterstützung des amerikanischen Ureinwohners John Two-Hawks ertönen Flöten, akustische Gitarren, gefühlvolle Keyboard-Flächen und natürlich Tarjas Stimme. Eigentlich fehlt nur noch Kevin Costner auf ’nem Gaul... Die einsetzenden Drums machen das Lied letztendlich doch noch zu einer typischen Rock-Ballade, abgeschlossen von gemurmelten Indianer-Versen.

‚The Siren’
Vom Wigwam in den Orient-Express. Violinen kämpfen gegen einen gewaltigen Riff, der in einen schleppenden Rhythmus übergeht. Tarja baut orientalische Elemente in ihren Gesang ein, die später von den Gitarren aufgenommen werden. Durch die östliche Atmo schöner Kontrastpunkt zum restlichen Material.

‚Dead Gardens’
Der Anfangs-Riff erinnert ein wenig an Pantera zu ‚Cowboys from Hell’-Zeiten, überlässt im weiteren Verlauf allerdings Tarja die Bühne. Klassischer Nightwish-Song, abgesehen von dem wiederkehrenden groovigen Gitarren-Part, der den Song auch abschließt.

‚Romanticide’
Zu Beginn Metallica-Groove, Rhythmen und Riffs gehen später fast schon in Richtung Speed Metal. Im Chorus dann schleppender, bevor der Instrumental-Teil mit geschickt eingeflochtenen Klassik-Arrangements beginnt. Erneuter Wechselgesang zwischen Tarja und Marco.

‚Ghost Love Score’
Schlagzeug gegen Frauenchöre und Hörner. Erneut dominant inszeniertes Orchester. Halbballade, bei der es auch mal ein bisschen Harfe sein darf – dementsprechend gefühlvoll (kitschig?) klingt das Ganze. Zum Ende hin fast schon sinfonischer Hollywood-Bombast, der allerdings von der Spielzeit her ruhig kürzer hätte sein müssen.

‚Kuolema Tekee Taiteilijan’
Einziger Song in finnischer Sprache. Akustikgitarre verbreitet Lagerfeuer-Atmosphäre. Tarja genießt es, in ihrer Heimatsprache zu singen und akzentuiert stark. Sehr melancholisch und hervorragend für lauschige Plätzchen an finnischen Seen geeignet.

‚Higher Than Hope’
Gefühlsballade als Rausschmeißer. Zu Beginn im typischen Nightwish-Stil gehalten – im Chorus explodiert der Song dank Tarja, Marco und wuchtiger Instrumentierung allerdings – toller Höhepunkt! Könnte einige an Within Temptation erinnern.

added by Robin on 08.05.06article also available in:  | printer friendly version

(c)2006 Nightwish Bibliotheca
Nightwish-Bibliotheca.com is a project of Ever Dream Fanclub
Copyrights and trademarks for the photos, articles and other promotional materials are held by their respective owners.