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[Original] wallsfoffire.de: Nightwish Interview (2004-06-14) - Interviews

Quelle: wallsoffire.de
Autor: Jens

Nightwish waren und sind nach wie vor unumstritten die wichtigste Band im sinfonischen Metal. Nach zwei Jahren „Zwangspause“ melden sich die Finnen mit ihrem neuen Streich „Once“ zurück. Das Album ist nicht nur die Rückkehr der Band auf den Genrethron, sondern insbesondere die Wiedergeburt des Tuomas Holopainen, der kreative Kopf hinter der finnischen Erfolgsgeschichte. Im Interview mit Walls of Fire gab er persönliche Einblicke in seine Seele und erzählte spannende Geschichten zur Entstehung eines der besten Alben dieser Tage.


„Wir machten keine Pause!“ wies Holopainen entschlossen die Frage zurück, ob nach der Pause nun alles frei für die Zukunft der Band sei. „Wir spielten im vergangenen Jahr viele Shows und veröffentlichten eine DVD. Es war also keine Pause, nur etwas ruhiger als zuvor. Tarja hat ihr Studium in Deutschland mittlerweile abgeschlossen und ist nach Finnland zurückgekehrt. Sie wohnt wieder hier und Nightwish ist erneut ihre oberste Priorität. Sie nimmt nur gelegentlich Privatstunden in Deutschland und ist momentan auf einer zweiwöchigen Klassiktour in Südamerika. Sie macht viel nebenher, aber Nightwish steht bei ihr über allem.“


Neue Besen kehren gut

In den zwei Jahren seit dem letzten Album „Century Child“ ist bei Nightwish einiges passiert. Unter anderem wechselten sie die Plattenfirma und unterschrieben einen neuen Kontrakt beim deutschen Label Nuclear Blast, wo sich langsam aber sicher die Metalelite versammelt. Den ersten Run auf Nightwish erlebte Holopainen 2004 bei der Signing Session im Nuclear Blast Shop Mitte April. „Es war unglaublich!“ zeigte er sich am nächsten Tag begeistert. „Es kamen dreihundert Leute nach Nirgendwo, nach Donzdorf. Das war sehr schmeichelhaft. Die Session dauerte anderthalb Stunden und jeder bekam sein Autogramm.“ Es war der erste große Promotionevent des neuen Labels, über das Holopainen erklärt, wie der neue Vertrag zustande kam: „Unser alter Plattenvertrag lief aus. Wir bekamen diverse Angebote und verglichen sie. Nuclear Blast machten mit Abstand das Beste. Als ich ihren Marketingplan sah, hatte ich sofort ein gutes Gefühl. Es schien, dass das Label uns wirklich haben wollte.“


Risikofreudige Kunst

Letztendlich bekam aber nicht nur die Firma das, was sie wollte, sondern auch die Band. Ihnen wurde ein großes Budget zuteil. Allerdings mussten Nightwish dafür erstmal tief in die Tasche greifen. Denn mit dem Risiko eines Künstlers musste das Vorhaben des neuen Albums selbst bezahlt werden. „Wir bezahlten das ganze Album aus der eigenen Tasche. Wir hatten während der Aufnahmen noch keinen Vertrag, deswegen mussten wir das Geld auftreiben. Das war nicht ganz leicht. Aber wenn ich das Ergebnis höre, bin ich mir sicher, dass es das wert war.“ Ein Großteil des Budgets ging für das London Session Orchestra drauf. Die opulenten Orchesterpassagen sind ein markantes Merkmal von „Once“, die noch stärker ausgearbeitet wurden als auf „Century Child“. „Ich wollte etwas Größeres haben, etwas professionelleres“, begründete Holopainen den Schritt nicht wieder das alte Orchester gewählt zu haben. „Die orchestralen Parts mussten nach vorne gebracht werden. Dafür verwendeten wir einen großen Teil des Budgets. Wir nahmen Kontakt mit Pip Williams auf, der dann alles organisierte. Das alles kostete sehr viel Geld. Allein die beiden Tage, an denen wir das Orchester aufnahmen, waren kostspieliger als die gesamte Produktion von ‚Century Child’. Es war ein Risiko, das sich gelohnt hat.“


Die Rückkehr der orchestralen Könige

Das London Session Orchestra passt perfekt zu „Once“. Das Orchester spielte bereits den Soundtrack zum Finale der „Herr der Ringe”-Saga, „Rückkehr des Königs“, ein. Und nun nahmen sie die Rückkehr der Könige des sinfonischen Metals auf. War dies etwas Besonderes für den „Herr der Ringe“-Fan Holopainen? „Ich wusste das nicht! Als wir das erste Mal in London waren, um Details zu besprechen erwähnte er so nebenbei, dass es das Orchester sei, das den ‚Rückkehr des Königs’-Soundtrack einspielte.“ Damit hat Pip Williams dem finnischen Musiker eines voraus: einen kompletten Soundtrack einzuspielen. Dies ist nach wie vor Holopainens größter Traum. „Soundtracks sind eine meiner größten Leidenschaften“, gab er zu. „Momentan mache ich mit Nightwish in gewissem Sinne auch Filmmusik. In Zukunft wäre es umwerfend, einmal die Möglichkeit zu bekommen, einen kompletten Filmscore zu schreiben.“

Was Therion oder Rage bereits machten, steht für Nightwish noch aus. Doch im nächsten Jahr sollen einige Konzerte mit orchestraler Unterstützung stattfinden. Eine komplette Tour mit Orchester soll es nach derzeitigen Überlegungen nicht geben. „Es ist eine Frage des Geldes und der Zeit. Für solch ein Vorhaben muss intensiv geprobt werden. Wir werden dieses Jahr aber kein Orchester mit auf Tour oder auf die Festivals bringen. Dafür lohnt sich der Aufwand nicht. Es gibt aber bereits Pläne, im nächsten Jahr einige wenige Shows zusammen mit Orchester und Chor zu bestreiten. Diese werden dann womöglich in Deutschland oder Frankreich stattfinden.“


Die Wiedergeburt des Tuomas Holopainen

Kehren wir aber von der unsicheren Zukunft in die Gegenwart zurück. Mit „Once“ liefern Nightwish nicht nur ein starkes Album ab, sondern eines, über das es sich zu reden lohnt. „Es sind elf individuelle Songs, die ihre eigene Geschichte erzählen und unabhängig von einander funktionieren“, beschrieb Holopainen das Album, auf dem im Vergleich zum Vorgänger kein Konzept umgesetzt wurde. „Das musikalische Grundkonzept des Albums hatte ich schon lange in meinem Kopf. Ich wusste, wie es klingen sollte und dass es mit einem großen Orchester und einem Chor untermalt sein würde. Auch die indianischen und maschinellen Elemente hatte ich schon früh geplant. Seit Beginn des Songwritings hatte ich ein klares Bild des Albums vor meinen Augen.“

Für manchen Musiker ist dies wohl nichts Überraschendes. Wer sich jedoch die Nightwish DVD „End of Innocence“ zu Gemüte führte, wird bemerkt haben, dass Tuomas Holopainen ein Mensch ist, der den Erfolg seines Schaffens nicht richtig verarbeiten konnte. In intimen Interviews zeigte er sich wegen des wachsenden Drucks auf ihn in seiner künstlerischen Freiheit eingeschränkt und in seinem Schaffen entmutigt. Ein neues Nightwish Album konnte angezweifelt werden. „Im letzten Sommer erfuhr ich eine Wiedergeburt“, machte er klar, wieso es doch zu „Once“ kam. „Auch wenn ‚Once’ unser bisher schwerstes Album war, wir waren sechs Monate im Studio, fühlte ich mich von Anfang an zufrieden. Ich hatte die Zeit meines Lebens! Die Chemie innerhalb der Band könnte derzeit nicht besser sein. Ich habe schon Ideen für das nächste Album.“ In seine Ideen fließen immer Emotionen und seine psychischen Zustände, das gesamte Wesen Holopainens mit ein. Er selbst beschreibt die Musik Nightwishs als Fenster zur Seele einer Person. „Diese Person bin ich. Alles, was ich bin, ist die Musik von Nightwish. Andere Leute schreiben Tagebücher, ich mache Lieder. Das ist fast das Gleiche. Alles, was ich denke, wird in meiner Kunst reflektiert. Ich bringe alles, was ich fühle, in die Musik ein. Wir machen diese Musik nur, weil wir Spaß daran haben. Ich setze keine Erwartungen in unsere Alben. Wenn mich jemand fragt, was ich vom nächsten Album erwarten würde oder was ich träumte, dann sage ich ihm, dass mein Traum längst in Erfüllung gegangen sei. Ich bin zu hundert Prozent zufrieden mit dem Album und das ist alles, was zählt.“


Auf der Suche nach sich selbst und nach Weltoffenheit

Den ersten großen Erfolg des Jahres 2004 legten Nightwish mit der ersten Single „Nemo“ hin. Das Stück schoss europaweit in die vorderen Ränge der Charts, das Video dazu rotiert ständig in diversen Musikkanälen. Ob es an der Qualität des Songs oder an dem Hype um den kleinen, gleichnamigen Pixel-Fisch handelt, lassen wir dahingestellt. „Den Song hatte ich betitelt, bevor ich etwas von dem Film hörte. Es ist ein Zufall. ‚Nemo’ ist ein Wort für ‚niemand’. Es ist ein sehr persönlicher Song, eine Seite meines Tagebuchs. Es geht darum, wie ich mich manchmal fühle. Ich weiß oftmals nicht, wer ich bin und wo ich hingehe. Ich weiß nur, wo ich herkomme und würde gerne dahin zurückgehen.“

Gefühle anderer Art hegt Tuomas in dem Stück „Creek Mary’s Blood“, seinem persönlichen Favoriten. „Ich war schon immer von der Kultur der amerikanischen Ureinwohner fasziniert. Ich las das Buch ‚Creek Marys Blood’ und habe den Film ‚Der mit dem Wolf tanzt’ schon über zwanzig Mal gesehen. Für mich ist das, was der weiße Mann den Indianern angetan hat, eine der größten Sünden der Menschheit. In diesem Song wollte ich meine Gefühle diesbezüglich verdeutlichen. Um es prägnanter darstellen zu können, musste ein waschechter Indianer bei diesem Song performen. Wir suchten nach indianischen Künstlern im Internet. Dabei stieß ich auf die Seite von John Two-Hawks. Der war glücklicherweise sofort davon überzeugt. Sein Flötenspiel begeisterte mich. Sein Gesang war sehr gut und er beherrschte die Sprache. Er war die perfekte Besetzung für den Song.“

Wo sich früher nur finnische Folklore tummelt, klingen Nightwish auf „Once“ viel weltoffener. Neben „Creek Mary’s Blood“ zeigt sich auch „Siren“ von anderen Kulturkreisen beeinflusst. Das Stück wirkt sehr orientalisch und steht stellvertretend für ein Album, das laut Holopainen voll ungleicher Einflüsse steckt. Er verarbeitet diverse Folkelemente und Filmmusiken. Dadurch sei das Album so vielseitig, dass man es zehn Mal hören müsse, um alles zu hören. „Diese Nummer ist eine Mischung unterschiedlicher Mythologien. Der Gesang der Sirenen trifft auf Sitarklänge. Die Sitar ist ein indisches Instrument. Es ist ein sehr mystischer Song.“


Geister, Künstler und Erfolg

Ebenfalls stellvertretend für das vielschichtige Album steht „Ghost Love Score“, bei dem Nightwish die Grenzen des Opulenten im Metal ausreizten. „Das ist der ehrgeizigste Song, den ich je geschrieben habe. Ich wollte einen Song über die Liebe eines Geistes machen. Zuerst schrieb ich die Musik und dann den Text dazu. Die Nummer erstreckt sich über zehn Minuten. Das Orchester und der Chor sind hier in Bestform zu hören. Es ist eines meiner Lieblingsstücke. Auf diesem Stück spielt das Orchester am meisten. Es ist auch der Song, an dem ich am meisten mit Pip Williams arbeitete. Herr Williams brachte dazu viele eigene Ideen in das Stück mit ein. Ich hatte nur ein Grundgerüst im Kopf, das ich ihm auf dem Keyboard vorspielte. Ich zeigte ihm, wo ich ein Flötensolo und wo die Streicher spielen sollten. Er arbeitete letztendlich alles aus.“

Im Alleingang schrieb er dann wiederum das Stück „Kuolema Tekee Taiteilijan“, das erste komplett finnische Stück in der Geschichte Nightwishs. Bisher wurde nur der Auftakt von „Lappi“ (vom Debüt „Angels Fall First“) in der Heimatsprache der Band verfasst. „Der Titel heißt übersetzt: Der Tod erschafft einen Künstler. Ich war zu Beginn dem Song sehr skeptisch gegenüber. Ich wusste nicht, ob er funktionieren würde. Nachdem ich dann alle fertigen Arrangements Tarjas Gesang gehört hatte, entwickelte es sich zu einem meiner liebsten Balladen von Nightwish. Ich stand auch der finnischen Sprache skeptisch gegenüber. Ich wollte es ausprobieren, wie es klingt. Zur Sicherheit hatte ich aber auch eine englische Version in der Schublade liegen. Tarja sang die Nummer dann auf finnisch so ein, wie es sein sollte.“

Derzeit stehen die Chancen nicht schlecht, dass sich Nightwish mit ihrem neuen Album noch weiter nach vorne katapultieren und noch mehr Erfolg haben könnten. Sie kopieren zwar keine der aktuellen Acts, doch angesagte Bands wie Within Temptation und Evanescence machten düstere, sinfonische Musik einer breiteren Masse zugänglich; eine Masse, die nun auch für Nightwish bereit zu sein scheint. „Ich denke, dass momentan ein guter Zeitpunkt für dieses Album ist. Wir machen diese Musik immerhin schon seit 1996. Es ist nicht so, dass wir anderen Bands folgen würden. Es ist aber ein guter Zeitpunkt. Wir haben ein gutes Album und ein gutes Label – alles ist möglich! Wir leben in einer spannenden Zeit.“ Lassen wir uns überraschen, was Nightwish mit „Once“ erreichen können und zu welch spannenden musikalischen Ausflügen sie uns in Zukunft einladen werden.

added by Lonnie on 13.05.06article also available in:  | printer friendly version

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