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[Original] Metal Hammer: Nightwish - Ende Gelände (2006-06) - Articles

Ende Gelände

Endlich mal ein Titel, der nicht zuviel verspricht: Die DVD ‚End of an era’ von Nightwish ist tatsächlich das Ende einer Ära, nämlich der mit Tarja Turunen. Keyboarder und Band-Kopf Tuomas Holopainen hingegen hält sich an ein schönes Sprichwort: Vorwärts immer, rückwärts nimmer.

Als Nightwish die DVD ‚End of an era’ im letzten Jahr in der Hartwall Arena in Helsinki mitschneiden ließen, dachte Sängerin Tarja Turunen noch, es wäre die letzte Show der knapp einjährigen Welttournee. 140 Shows in 40 Ländern mit Auftritten in Australien, Asien und Südamerika. Im Anschluss an die längste Nightwish-Tournee aller Zeiten war eine längere Pause geplant, mehr nicht. Doch es sollte ganz anders kommen, denn die Band feuerte die Frontfrau direkt nach dem Gig. So bekommen die Aufnahmen natürlich ein anderes Gewicht, wie auch Tuomas Holopainen einräumt. „Ich habe die DVD jetzt mehrfach gesehen, und ich muss sagen, dass es eine der besten Shows war, die wir je gespielt haben. Aber natürlich ist da noch die Sache mit Tarja. In der Bonussektion gibt es eine Dokumentation mit dem Titel ‚A day before tomorrow“, die uns in den letzten 14 Tagen vor dieser Show zeigt. Und wenn du genau in unsere Gesichter siehst, wirst du erkennen, wie uns zumute war. An manchen Stellen kann ich dir genau sagen, was ich in dem Moment gedacht habe. Zum Beispiel bei der letzten Verbeugung nach dem Konzert oder hinter der Bühne in Brasilien. Ein wirklich mieses Gefühl, schließlich kennen Tarja und ich uns schon seit unserer Schulzeit. Ich müsste oft meine Tränen unterdrücken. Doch es ist eine sehr ehrliche Dokumentation geworden, darauf bin ich stolz.“

Kleinigkeiten
Zur Erinnerung: Alle Bandmitglieder außer der Sängerin wussten, was nach dem Konzert passieren wird. Ungewöhnlich, dass so etwas gefilmt wird, und allein deshalb dürfte ‚End of an era’ auf reges Interesse stoßen. 2001 musste die Band übrigens schon mal eine ähnliche Situation durchmachen, allerdings lief es laut Tuomas damals völlig anders. „Als wir uns von unserem Bassisten Sami Vänskä trennten, war ich zwei Wochen lang deprimiert. Ich dachte sogar daran, die Band aufzulösen. Diesmal hatte sich vieles über eine lange Zeit angestaut, so dass die Entscheidung nicht so überraschend kam. Und es war auch von vornherein klar, dass wir mit einer neuen Sängerin weitermachen werden.“
Überraschend kam hingegen der Vorstoß von Marcelo Cabuli, dem Ehemann und Manager von Tarja Turunen, der wohl nicht ganz unbeteiligt an den Vorkommnissen in den letzten Monaten war. Es ist kein Geheimnis, das der Argentinier mit seiner speziellen Art schon vielen Menschen aus dem Band-Umfeld vor den Kopf gestoßen hat. Ein Beispiel dafür sind die Ereignisse aus dem Februar dieses Jahres: Cabuli legte der Plattenfirma, dem Management und Nightwish selbst einen Vertrag vor, der besagt, dass sich alle Beteiligten nicht mehr über ihn und seine Frau äußern dürften. Im Falle eines Vertragsbruches wäre eine Strafe von 250.000 Euro fällig geworden. Die Veröffentlichung der DVD in Finnland wäre so unmöglich gewesen, der Vertrag wurde als unerfüllbar abgelehnt. Tuomas zeigt sich zu diesem Thema wenig auskunftsfreudig. „Ich habe davon gehört, allerdings kenne ich keine Details. Fakt ist, dass sich beide Parteien kürzlich in Berlin getroffen haben, um die Sache zu klären. Es wurden einige Kleinigkeiten am Booklet der DVD geändert, es gibt ein Statement auf dem Cover, außerdem mussten wir einige visuelle Kompromisse eingehen.“ Was das genau bedeutet, möchte Holopainen leider nicht erklären. Fakt ist, dass auf der DVD zu sehen ist, wie die Band nach einem Konzert zusammenhockt. Tarja und ihr Mann, die die meiste Zeit alleine reisen, sind schon ins Hotel entschwunden, wodurch sich für die Jungs von Nightwish die Gelegenheit ergibt, sich mal ordentlich über das Pärchen auszukotzen. Herber Stoff, der selbst bei unbeteiligten für rote Ohren sorgt.“

Stimmen im Kopf
Das Interview wurde Anfang April geführt. Zu diesem Zeitpunkt konnten Nightwish noch keine neue Sängerin finden. Die Band-Mitglieder haben sich die vergangenen Wochen mit ihren eigenen Projekten vertrieben. Gitarrist Emppu Vuorinen spielte mit seiner AOR-Band Brother Firetribe ein Album ein, das im Sommer erscheinen soll. Schlagzeuger Jukka Nevalainen versuchte sich als Geschäftsmann (laut Holopainen „irgendetwas mit Computern“), Bassist Marco Hietala kümmerte sich um die Wiederveröffentlichung alter Tarot-Alben – und der Band-Chef arbeitete an dem Album von seinem Kumpel Timo Rautiainen, zu dem er erstmals außerhalb von Nightwish auch einen kompletten Song beisteuerte. Außerdem wird es ein neues Album von For My Pain (Holopainens Gothic-Projekt) geben, die Aufnahmen sind für Herbst 2006 geplant.
So ziehen die Tage ins Land, ohne dass sich in Sachen Frontfrau etwas tut. Tuomas sieht darin allerdings keine Probleme. „Seit unserem offiziellen Aufruf Mitte März bekommen wir um die 20 Demos täglich. Gemeinsam mit unserem Manager haben wir knapp 400 CDs durchgehört. Ich habe die Stimme unserer neuen Sängerin bereits im Kopf. Sie muss sich nur noch bei uns melden.“ Was nicht heißt, dass sich die ominöse Stimme nicht schon unter den bereits gehörten Kandidatinnen befindet. Holopainen gibt sich bei dem Thema sehr zugeknöpft und bittet um Verständnis für die Situation.
Kann er haben. Sprechen wir lieber über das neue Material, das bereits fertig komponiert ist. „Ich habe insgesamt 14 Songs geschrieben. Allerdings müssen die anderen noch ihren Senf dazu gebe, da wird sich noch einiges ändern. Aber ich kann schon verraten, dass wir uns stilistisch nicht sonderlich weit vom letzten Album ‚Once’ entfernen werden. Man könnte sogar von einem zweiten Teil von ‚Once’ sprechen, auch wenn es natürlich nicht völlig identisch klingt. Ein paar Neuerungen werden wir schon noch einbauen.“ Ob der Erfolg des letzten Albums wiederholt werden kann, liegt sicherlich zu einem großen Teil daran, ob die Fans die Nachfolgerin von Tarja Turunen anstandslos akzeptieren werden. Aber das weiß Tuomas selbst am besten. Vielleicht könnte er den Stress umgehen, indem er einfach Bassist Marco Hietala, der ja eh schon einige Passagen auf der Bühne singt, als neuen Frontmann präsentiert. Aber das ist für Holopainen definitiv keine Alternative, er will unbedingt eine Frau – auch wenn sich viele Anhänger diese Lösung mittlerweile gut vorstellen könnten.

Zum Heulen
Neben der DVD, die Nightwish zurück in den Fokus der Öffentlichkeit bringt, erscheint in diesen Tagen zudem die offizielle Biographie der Band. Allerdings vorerst nur auf Finnisch. Übersetzungen in Deutsch und Englisch sollen bis Ende des Jahres folgen. „Ich habe das Buch gerade gelesen. Es hat 450 Seiten, enthält Hunderte von Bildern und ist für meine Begriffe sehr gelungen. Von unserer Kindheit über die Anfänge der Band bis zum letzten Konzert in der alten Besetzung ist alles enthalten. Ich musste mehrfach heulen, an anderen Stellen schämte ich mich schrecklich für mich selbst.“ Was in diesem Fall allerdings an der melancholischen Ader des Lesers liegt und keinesfalls an der Qualität des Schinkens. Denn der Autor – Mape Ollila von der Plattenfirma Spinefarm – ist ein alter Kumpel, der Nightwish seit ihrem Debüt ‚Angels Fall First’ (1997) begleitet. „Lieder versucht die Presse in unserer Heimat derzeit, das Buch in die Skandalecke zu drängen, so als ob wir schmutzige Wäsche waschen wollten. Aber das ist völliger Blödsinn!“
An solchen ‚Blödsinn’ wird sich die Band gewöhnen müssen. Zumindest bis sie eine neue Frontfrau präsentieren. Oder bis Tarja zurückkehrt, was viele Fans immer noch hoffen, angesichts der jüngste Ereignisse aber unwahrscheinlicher denn je ist. „Wir haben seit dem Tag in Helsinki kein Wort mehr miteinander gewechselt, und das wird vorerst wohl auch so bleiben“, beschließt Tuomas das Interview. Natürlich sollte an dieser Stelle auch Tarja Turunen zu Wort kommen, doch trotz mehrfacher Anfrage und Zusage ihres Managers wollte sich die Sängerin plötzlich doch nicht mehr zu ‚End of an era’ äußern. Angesichts mancher Szenen auf der DVD vielleicht verständlich, schließlich kommt sie, wenn man zwischen den Zeilen liest, nicht sonderlich gut weg. Auf der anderen Seite aber ein deutliches Zeichen dafür, dass die Fronten in der Auseinandersetzung zwischen Band und Ex-Sängerin nicht zwangsläufig geklärt sein müssen.

added by Lonnie on 17.05.06article also available in:  | printer friendly version

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