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[Original] Metal Hammer: Das Ende einer Ära (2005-12) - Articles

Das Ende einer Ära


Eigentlich sollte NIGHTWISH`s Helsinki-Gig vom 21. Oktober nur die letzte Show vor einer längeren Pause sein. Doch nach dem Konzert platzte die Bombe: TUOMAS HOLOPAINEN & CO. haben TARJA TURUNEN gefeuert - fristlos. Wie und warum es zu dem überraschenden Rauswurf kam, erforschte METAL HAMMER bei beiden Parteien.


Helsinki, 21. Oktober,18 Uhr. In der Hartwall Arena, einer gigantischen Eishockeyhalle, herrscht angespannte Atmosphäre. Hier spielen Nightwish in wenigen Stunden ihren letzten Gig vor ihrer angekündigten zweijährigen Auszeit. Das Motto: "The End Of An Era". Ein doppeldeutiger Titel wie sich noch zeigen wird. Gleichzeitig nutzen die Finnen diese Gelegenheit, um eine Live -DVD aufzunehmen. Ihre Fans sind voll freudiger Erwartung, begierig, die Band noch ein letztes Mal mit dem ONCE-Programm zu sehen. Hinter den Kulissen breitet sich ebenfalls Nervosität aus, die für einige der Beteiligten sogar mehr ist als die übliche Unrast vor dem Auftritt. Tuomas Holopainen wirkt ungewöhnlich früh vor dem Auftritt blaß um die Nase: "Ich fühle mich gerade traurig, froh, ausgelaugt und aufgeregt", beschreibt der Band-Kopf sein Gefühlschaos. Im Backstagebereich befinden sich noch Freunde und Familienangehörige aller Band-Mitglieder, so daß es hier extrem voll ist. Nur Sängerin Tarja Turunen verfügt über einen eigenen Raum, den sie sich mit ihrem Ehemann und Manager Marcelo Cabuli teilt. Doch trotz der Dreharbeiten für ihre Live- DVD und der Enge hinter der Bühne läuft bei Nightwish scheinbar alles in gewohnten Bahnen.

DIE-LETZTE SHOW
In der riesigen Arena, die binnen zwei Stunden nach Bekanntwerden des Termins restlos ausverkauft war, nehmen unterdessen die Fans auf zwei Stockwerken ihre Plätze auf den Tribünen und im Innenraum ein. Neben Tausenden Finnen halten Anhänger aus der ganzen Welt ihre Landesflaggen in die Höhe, darunter auch viele Deutsche. Die Ehre der Eröffnung geht einmal mehr an Sonata Arctica, die sich von der riesigen Menge nicht aus der Ruhe bringen lassen und hochklassige Melodiekracher sowie muntere Balladen präsentieren. Tony Kakko besticht durch seine vielseitige Stimme und erntet mit seiner Truppe nach der obligatorischen Wodka- Beschwörung den verdienten Schlußbeifall- auch von Tuomas Holopainen neben der Bühne. Danach eilt der Nightwish -Keyboarder zurück in den Backstagebereich - ihm bleibt nur noch eine halbe Stunde, um sich auf seine Show vorzubereiten. Doch glücklicherweise hat sich Tuomas bereits mit Hut und schwarzem Strich um die Augen bestens präpariert. Fast pünktlich gehen die Kameraleute in Position, und Nightwish zelebrieren ihr kleines Ritual hinter der Bühne. Alle Mitglieder umarmen sich mit ernsten, konzentrierten Mienen, wobei Gitarrist Emppu Vuorinen heute eine besondere Nähe zu Tarja zu suchen scheint: Er umarmt sie und drückt ihr die Schulter. Jukka Nevalainen wirkt dagegen in sich gekehrt und murmelt heiser: "Das wird gut. Das muß gut werden." Der Trommler braucht sich keine Sorgen zu machen: Gewaltige La- Ola -Wellen branden bereits zum Intro durch die Halle und unterstreichen eindrucksvoll den Heimspiel-Charakter des Abschiedsgigs. Zum offiziellen Tournee-Ende haben sich Nightwish einiges einfallen lassen und ihrer feurigen Pyroshow noch ein paar Effekte hinzugefügt. "Es ist ja meine Stadt, die ich hier sprenge", grinst Flammenmeister Markku Aalto und jagt beim fulminanten Einstieg mit 'Dark Chest Of Wonders' und 'Planet Hell' gleich ein paar extreme Böller und Feuersäulen in die Luft. Die Band zeigt sich in Höchstform und erreicht sofort Perfektion. Der Testlauf, den Nightwish am Nachmittag für die Nahaufnahmen absolviert haben, hat der Band gut getan. Nur Tarja Turunen konnte an dieser Generalprobe nicht teilnehmen. Aus gutem Grund: Die Sängerin kämpft mit einer Grippe und hat sich für den letzten Auftritt geschont. Eine gute Idee, denn Tarja brilliert mit ihrem Gesang und braucht zudem Kraft, um ständig von der Bühne zu hetzen und sich in neue Kleider zu packen. Zu jedem Hit trägt die Sängerin heute das Outfit aus dem dazugehörigen Video-Clip. Auch auf der Bühne sucht Emppu heute auffällig Tarjas Nähe, während sich Tuomas einsam hinter seinem Keyboard verschanzt und dort wie ein Berserker wütet. Jukka scheint ebenfalls sein Schlagzeug zertrümmern zu wollen, und Marco Hietala wirkt mit seinem schweren Bass und seinem kraftvollen Metal -Organ gleich ein paar Zentimeter größer. Ganz klar: Die Band will offenkundig noch einmal alles geben und muß dabei keine Rücksicht auf nachfolgende Konzerte nehmen. Zu den magischen Momenten dieses Abends trägt auch ein neuer Bühneneffekt bei: Für 'The Siren.' setzen Nightwish zum ersten Mal große Videotafeln im Hintergrund ein. Das ONCE - Banner fällt, und Meereswogen rauschen über der Band, Großes Theater. Beim epischen 'Ghost Love Score' erscheinen Kerzen und Manuskriptseiten auf den Flächen, und 'Sleeping Sun' wird von einem Sternenhimmel erleuchtet. Doch nichts kann den einmaligen Auftritt von John Two-Hawkes übertreffen: Zunächst spielt der Lakotaindianer in Stammestracht ein Solo auf einer riesigen Doppelflöte, dann steigen Nightwish mit 'Creek Mary's Blood' ein, und John steuert etwas Musik und gesprochene Passagen bei. Der Beifall für diese Darbietung fällt ohrenbetäubend aus - das kann auch der tosende Applaus nach den Zugaben kaum noch toppen. Nightwish verneigen sich mit Tränen in den Augen vor ihrem Publikum, winken und gehen zum letzten Mal in dieser Besetzung von der Bühne.

DER BRUCH
Nach ihrem Auftritt ziehen sich die Musiker wie üblich zurück. Manager Ewo Rytkönen schließt die Türen des Backstageraums, selbst Tuomas Mutter muß draußen warten. Angesichts der umwerfenden Reaktionen auf diese großartige Show wundert sich zunächst niemand, daß es heute etwas länger dauert, bis die Tore wieder aufgehen. Alle denken, die Band freue sich über einen gelungenen Gig. Doch was wirklich hinter den Kulissen passiert ist, schildert Tarja drei Tage später in einer E-Mail: "Am Ende des Konzerts haben die Leute applaudiert und geschrieen. Sie standen auf ihren Sitzen - ein unglaubliches Gefühl so daß ich vor Gluck weinte. In diesem Moment wußte ich noch nicht, dass ich bald wieder weinen würde", fügt die Sängerin bitter hinzu. "Nach dem Auftritt luden mich die Jungs in ihren Umkleideraum ein, und wir umarmte uns. Das war seltsam, denn normalerweise passiert das immer vor einem Konzert. Diese Ritual haben wir trotz wachsender zwischenmenschlicher Spannungen immer beibehalten. Ich dankte ihnen für den Auftritt, erhielt aber keine Antwort. Dann gaben sie mir einen Brief und baten mich, ihn erst am nächsten Tag zu lesen." Tarja nimmt ihn entgegen und zieht sich ins Hotel zurück Dort öffnet sie das Kuvert und erfährt, daß sie gefeuert ist. Geschockt beschließt die Sängerin, schnellstmöglich mit ihrem Mann nach Argentinien zu flüchten. Sie packt die Koffer und nimmt den nächsten verfügbaren Flug.Über den Brief und seinen Inhalt wissen zu diesem Zeitpunkt nur einige Familienangehörige der Band Bescheid. Sie behalten dieses Geheimnis jedoch für sich, und so bricht einen Tag nach dem Konzert eine ahnungslose Schar geladener Gäste zur großen Abschlußfete auf, die auf einer Halbinsel in Helsinki stattfindet. Dort herrscht gute Stimmung: Band, Familie, Freunde, Geschäftspartner und Pressevertreter bedienen sich an einer Reispfanne, Bier und Wodka fließen in Strömen - alles scheint in Ordnung. Nur Tuomas wirkt bleich und deprimiert. Die Antworten auf die Frage nach dem Grund für seine Trauerstimmung kommen in Fetzen: "Wegen Tarja- Weil Tarja nicht mehr in der Band ist. Nein, Tarja hat nicht gekündigt. Wir mußten uns von ihr trennen", murmelt der Bandkopf. Als Beweis, daß dies kein schlechter Scherz ist, fischt Tuomas den noch unveröffentlichten Brief aus seiner Tasche. "Dieses Schreiben werden wir gleich auf unsere Webseite stellen, seufzt der Musiker und beißt trotzig die Zähne zusammen. Die Nachricht von der Trennung macht bald die Runde. Viele Gäste diskutieren, pausenlos wird auf Handytasten rumgetippt. Die Nachricht vom Split läßt sich nicht mehr aufhalten, verbreitet sich in Windeseile um die Welt. Emppu verläßt die Feier früh, während Tuomas, Marco und Jukka geduldig Antworten geben.


DAS NACHBEBEN
Die schmerzhafte Nachricht trifft die Nightwish - Fanschar, das Label und die Presse wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Der Server der offiziellen NightwishHomepage geht zeitweilig vor Überlastung in die Knie, und die einschlägigen Foren im Internet explodieren förmlich. Bei der Plattenfirma gehen sogar schon erste Bewerbungen ein. Andere Fans haben noch haufenweise Fragen. Doch sie müssen sich zunächst gedulden. Tarja gibt als Erste einige Antworten, als sie ein Schreiben verschickt und eine spätere Pressekonferenz ankündigt, in der sie ihre Sicht der Dinge darstellen will. Tuomas erklärt sich sogar zu einem kurzen Gespräch bereit. Es ist zwei Tage nach Tarja`s Entlassung, und der Bandkopf hat sich auf seine Insel zurückgezogen, wo über Nacht ein Leichentuch aus zehn Zentimeter hohem Neuschnee gefallen ist. "Ich fühle mich nicht besonders wohl", gewährt Tuomas einen Einblick in seine Gemütslage. "Es ist eine Mischung aus tiefer Traurigkeit und Hoffnung für die Zukunft. Doch obwohl die Situation jetzt unangenehm ist, bedauere ich meine Handlungen nicht und stehe voll dahinter." Der Finne drückt sich nicht vor seiner belastenden Verantwortung, die ihn vermutlich mehr schmerzt, als er zeigen mag. Der Rauswurf war nämlich keine spontane Entscheidung, sondern steht am Ende reiflicher Überlegungen. "Wir dachten ab Januar diesen Jahres über eine Trennung nach, doch wir wollten erst die weitere Entwicklung abwarten. Am Ende gab es nur noch zwei Möglichkeiten: entweder Nightwish auflösen oder Tarja feuern." Der eigentliche Bruch zwischen der Sängerin und der Band fand beim Rückflug von einem Konzert in Toronto im Dezember 2004 statt.
"Tarja sagte zu mir, daß sie Nightwish nicht mehr für ihre Karriere brauche und die Band von einem Tag auf den anderen verlassen könne", macht Tuomas das Schlüsselerlebnis aus. "Damit waren ihre Motive klar." Im Verlauf des Sommers kristallisierte sich heraus, daß eine Trennung unumgänglich sein würde. Dennoch: Über die Form des Splits läßt sich streiten. "Wir mußten den Fans erklären, warum wir zu diesem Handeln gezwungen waren und weshalb es keine Alternative dazu gibt", erläutert Tuomas "Wenn wir lediglich Tarja`s Ausscheiden aus der Band bekannt gegeben hätten, müßte ich in den nächsten sechs Monaten ständig die gleichen Interviews geben - oder wir wären sogar auf der Stelle gelyncht worden", meint der Musiker. "Die Leute haben ein Recht darauf, unsere Gründe zu erfahren." Doch selbst wenn die Kommunikation zwischen bei den Parteien bereits zu tief gestört war, um eine andere Art der Trennung zu finden - das Vorgehen der vier übrig gebliebenen Mitglieder hat manche Anhänger enttäuscht. Das kann auch der Keyboarder nachvollziehen. "Ich habe Verständnis für solche Reaktionen, aber natürlich können die Fans nicht alle Details wissen. Viele kennen Nightwish nur aus den Medien - mit Tarja im Vordergrund. Diese Darstellung der Band hat sehr gut funktioniert, und ich will sie auf keinen Fall abwerten. Doch die Fans sollten verstehen, daß ihr Anteil an der Band ansonsten sehr gering war. Deshalb kann Tarja ersetzt werden." Denn Aushängeschild hin oder her: Tuomas ist ohne Zweifel das Herz von Nightwish, er schreibt die Songs. Trotzdem können sich viele Anhänger die Band ohne die charismatische Sängerin kaum vorstellen. "Tarja hat sich im Studio sozusagen an den fertig gedeckten Tisch gesetzt". redet sich der Finne langsam in Rage. "Nightwish ist kein Soloprojekt. Sie ist neun Jahre lang nicht zu den Proben gekommen. hat niemals einen Song, eine Gesangslinie, eine Textzeile oder ein Arrangement beigetragen, wollte am Ende keine Interviews mehr für die Band geben, hat obendrein fast jeden Soundcheck ausgelassen und war zuletzt bei keinem Fantreffen mehr dabei. Aber trotzdem hat Tarja alle unsere Aktivitäten, Auftritte und Gagen kontrolliert. Jemand, der das tut, der kann ersetzt werden. verdammt!" Man merkt Tuomas kann die Frustration des letzten Jahres noch nicht abschütteln. Dabei geht es ihm nicht darum, Tarja zu verletzen. Das wird auch in dem Brief deutlich, der in vielen Passagen mehr auf ihren Manager und Ehemann Marcelo zielt. "Ich will wirklich nicht mit Tarja streiten oder sie nieder. machen, und ich hasse sie auch nicht", betont der Künstler. "Zwischen den Zeilen steht, wer der Schurke ist. Ich will einfach nur weitermachen können." Bei diesen Worten klingt wilde Entschlossenheit durch. aber auch ein Anflug von Verzweiflung. "Ich habe ein echtes Problem damit, wenn mich viele Leute jetzt verabscheuen". gesteht Tuomas. "Ich kann nur hoffen, daß sie meine Lage letztlich verstehen. Genau deshalb lege ich alle Fakten offen auf den Tisch."

LICHT AM HORIZONT
Sollten sich die Fan-Scharen nun in zwei feindliche Lager aufspalten, wäre damit keiner Seite gedient - zumal sich die Parteien ausdrücklich alles Gute wünschen und von Feindschaft nichts wissen wollen. Wie die Zukunft aussieht, bleibt momentan allerdings unklar. Zumindest eines ist aber sicher: Die wilden Gerüchte aus der finnischen Boulevard-Presse, daß nun Liv Kristine (Leaves' Eyes) bei Nightwish einsteigen würde, entbehren derzeit jeder Grundlage. "Wir haben noch keine neue Sängerin", erklärt Tuomas. "Wir machen aber auf jeden Fall in Zukunft mit einer Frontfrau weiter." Und so halten Nightwish zwar an ihren geplanten Studioterminen im nächsten Jahr fest, halten aber erst jetzt, also nach dem Split, Ausschau nach einer neuen Sängerin. "Die Trennung soll sauber vollzogen sein, bevor wir konkrete Pläne schmieden", läßt Tuomas wissen. "Für die Suche haben wir bis Anfang 2007 Zeit. Da alle Harmonien und Gesangslinien grundsätzlich von mir stammen. können wir eine Sängerin ganz am Ende unserer Aufnahmen, einfügen." Nightwish gönnen sich also wie geplant eine Pause, während Tuomas neue Songs schreibt Im nächsten Jahr beginnen dann die Aufnahmen zum nächsten Album. Eine Rückkehr seiner alten Frontfrau kann sich der Finne im Moment nicht vorstellen, schließt es aber nicht für die Ewigkeit aus. Im Leben ist nichts unmöglich
und Zeit ist der beste Heiler auf Erden", überlegt Tuomas. "Ich sehe aber kaum Hoffnung für eine Wiedervereinigung."
Tarja Turunen hält ebenfalls an ihren Tour-Plänen fest, wird in wenigen Wochen einige Weihnachtskonzerte geben. unter anderem auch in Frankfurt (6.12.) und Berlin (9.12.). "Ich singe ein gemischtes Programm aus klassischen Liedern. traditionellen Weihnachtstücken und einigen passenden Songs aus der Pop-Welt", verrät die Finnin. die ein Streichquartett, einen Pianisten und einen Flötisten mitbringen wird und nicht zuletzt deshalb Wert auf stilistische Vielfalt legt. "Niemand braucht einen ganzen Abend mit Operngesang zu befürchten. Es tauchen bestimmt Leute mit den unterschiedlichsten Vorlieben auf, deshalb soll das Konzert für alle interessant bleiben Ich freue mich trotz der Vorkommnisse besonders auf die vielen Nightwish -Fans, denen ich endlich meine andere Seite präsentieren kann."

added by Lonnie on 07.05.06article also available in:  | printer friendly version

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