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[Original] Zillo: Am Ende der Welt (2008-06) - Articles

„Am Ende der Welt“

Nightwish haben das Spiel mit den Medien durch leidvolle Erfahrungen und Jahre im Licht der Öffentlichkeit mittlerweile fast perfektioniert: Auf die ewig gleichen Fragen folgen die ewig gleichen Erwiderungen. Doch wenn ein nicht geplantes Ereignis die Routine des Interviews durchbricht, werden auf einmal viel tiefere Einsichten in das Innenleben der finnischen Superstars möglich. Im Auftrag des Zillo macht sich Emma Perez zu ihrem Interviewtermin auf, aber es kommt ganz anders …

Toulouse? Warum Toulouse? Der Tag beginnt reichlich verwirrend: Im Haupt hämmert ein mächtiges Dröhnen, auf der Zunge liegt ein pelziger Geschmack, und der Körper meint, selbst im Liegen noch zu schwanken. Das Denken fällt schwer – besonders, wenn sich Panik breit macht. Das heimische Bett scheint sich in einen Sarg verwandelt zu haben. Der Kopf knallt beim Aufrichten nach wenigen Zentimetern gegen eine hohl klingende Decke, und überall stoßen Körperteile gegen arg enge Wände. Was ist hier los? Eine Wand gibt nach und entpuppt sich als Vorhang. Ach so, eine Koje im Nightliner. Wenigstens ein Teil des Dröhnens stammt vom Dieselmotor und lässt sich nicht als unerwünschtes Überbleibsel einer fröhlichen Nacht deuten. Die meisten Vorhänge im Gang sind noch zugezogen, was eine Aufforderung zur Einhaltung der Ruhe und Respekt vor der Privatsphäre der Mitreisenden bedeutet. Doch hinter der Tür zum Fahrerabteil, wo sich auch die Tische und Sitzgelegenheiten befinden, dringen gedämpfte Stimmen hervor. Es ist höchste Zeit, um herauszufinden, was hier eigentlich gespielt wird. Hinter der Tür sitzen Nightwish-Manager Ewo Pohjola, Keyboarder Tuomas Holopainen, Schlagzeuger Jukka Nevalainen sowie Bassist Marco Hietala bei einem Männer-Frühstück aus Zigaretten und Kaffee und grüßen mit einem überbreiten Grinsen. „Willkommen in Toulouse“, lacht der Blondschopf Ewo, und tatsächlich ziehen vor den Fenstern die schmucken Bürgerhäuser einer wohlhabenden Großstadt in Südfrankreich vorbei. Toulouse? Oh nein, das war so nicht geplant. Was war nur letzte Nacht passiert? Bei einem Kaffee kehrt die Erinnerung langsam zurück …

Fischsuppe und Pustekuchen

Ein Tag vorher in Marseille: In die etwas abgewetzt wirkende Hafenstadt an der Côte d’Azur verirren sich nicht allzu viele Bands. Auf dem üblichen Weg von Deutschland nach Spanien oder umgekehrt werden meist nur Paris, Lyon und Toulouse angesteuert. In den Touristenführern wird Marseille höchstens für seine fischige Spezialität Bouillabaisse erwähnt – und wehe dem, der es wagt, diese gegenüber Einheimischen als Fischsuppe zu bezeichnen. Gegen die Übermacht der mondänen Badeorte Nizza oder des Filmfestspieldorfs Cannes kommt Marseille nicht an, und außerdem hält im Vielvölkergemisch dieser Stadt der französische Rap das musikalische Zepter fest in seiner Hand. Doch heute kommen Nightwish. Und nicht nur die lokalen Freunde von Metal oder Gothic strömen als rabenschwarze Schar in die Kuppel der größten Veranstaltungshalle The Dome, sondern aus ganz Frankreich sind viele Anhänger der Finnen an die Mittelmeerküste gereist. Selbst einheimische Experten zeigen sich vom Zulauf überrascht. „Kaum zu glauben, aber Nightwish ziehen mehr Besucher in diese Halle als Slayer und System Of A Down zusammen“, wundert sich zum Beispiel Michael Berberian, Chef des ortsansässigen Extremlabels Season Of Mist. Noch vor knapp einem Jahr hatten ganze Scharen falscher Propheten der Band einen massiven Rückgang der Besucherzahlen ohne ihre charismatische Ex-Frontfrau Tarja Turunen vorgesagt. Pustekuchen – in ganz Europa ist das Interesse an den Finnen sogar noch gewachsen.

Von dieser Entwicklung hatte nicht einmal Bandkopf Tuomas Holopainen zu träumen gewagt: „Nein, wir konnten wirklich nicht mit einem so großen Zuspruch rechnen“, erzählt der Keyboarder bei einem kurzen Gespräch hinter den Kulissen, wenige Minuten vor der Show von Pain, die schon seit Wochen als Vorgruppe von Nightwish mit von der Partie sind. „Wir hatten uns mental darauf eingestellt, dass es wohl einige Schritte zurückgehen könne und im schlimmsten Fall alles wieder auf Anfang gestellt werde.“ Der durchtrainierte Finne mit dem dunklen Lockenkopf macht, anders als noch vor wenigen Monaten, einen äußerst entspannten Eindruck. Der Blick ist wach, die Körperhaltung aufrecht, und ab und zu stiehlt sich sogar ein kleines Lächeln in seine Mundwinkel. „Ich kann mich derzeit über nichts beschweren und bin einfach nur glücklich“, meint Tuomas. „Ein besonders großes Dankeschön geht an all unsere Anhänger da draußen, die an uns geglaubt haben und den Wechsel akzeptieren können.“ Dann vertagt der Musiker das nun geplante Gespräch auf später, weil er gerne den Auftritt seiner schwedischen Kollegen mitverfolgen möchte. Gegen eine Begleitung zum Bühnenrand hat er jedoch keine Einwände.

Gestylte Rekordjagd

Am Rand der Bühne lässt sich gut verfolgen, wie die mehrmals von Bandkopf, Gitarrist, Sänger und Abyss-Studio-Kultproduzent Peter Tägtgren umformierten Pain unterwegs mit Nightwish mittlerweile zu einer echten Einheit zusammengewachsen sind. Außerdem erweist es sich als geschickter Schachzug, dass die Electro-Metaller inzwischen wieder das Beatles-Cover „Eleanor Rigby“ in ihr Programm aufgenommen haben: Die französischen Zuschauer veranstalten einen Krach, als gelte es, den Headliner anzufeuern. „In Frankreich hatten wir bisher mit Abstand das verrückteste Publikum“, kommentiert Tuomas das Spektakel. „Der Lärmpegel erreicht südamerikanische Ausmaße, und in Paris schien die Decke abzuheben.“ Seine sichtlich zufriedene Miene beweist, dass es sich lohnt, seine Lieblinge auf der Bühne anzufeuern. Bei einigen deutschen Konzerten fiel die Stimmung zwar nicht auf den Nullpunkt, doch im Vergleich zur letzten Tour mit Tarja ein wenig ab. Außerdem waren die Besucherzahlen ebenfalls leicht rückläufig, während im restlichen Europa neue Rekorde gebrochen wurden und Nightwish mit 13.000 Zuschauern in Zürich eine neue Bestmarke erreichten. „Ich kann in Deutschland keinen Unterschied feststellen“, nimmt der Finne seine hiesigen Anhänger in Schutz. „Bei unseren Konzerten bei euch wurden bis zu 9.000 Karten an einem Abend verkauft, und ‚Dark Passion Play’ steht kurz vor Platin. Nein, unsere deutschen Fans haben uns immer die Treue gehalten, und daran hat sich nichts geändert.“ Während Pain mit „On And On“ noch einmal richtig Gas geben, zieht sich der Keyboarder in den Backstage-Bereich zurück. Dort bereiteten sich Nightwish mittlerweile – völlig von äußeren Einflüssen wie Presse oder Fanclub-Besuchern abgeschirmt – auf ihren Auftritt vor. Dies war am Anfang der Europa-Tournee nicht immer der Fall gewesen, was vermutlich mit für den einen oder anderen etwas unkonzentrierten Auftritt wie den von Berlin gesorgt hat. In ihren von Anette neu eingeführten, wöchentlichen Besprechungen wurde das Problem angesprochen, erkannt und schließlich gebannt. Noch in sich versunken, sammeln die Mitglieder vor dem Bühnenaufgang. Nur der blonde Witzbold Emppu Vuorinen treibt mit seiner Gitarre einige kleine Scherze für umstehende Crew-Mitglieder. So darf sich Marco über eine kleine Massage von unten erfreuen, die dieser lediglich mit einer strafend gehobenen Augenbraue kommentiert. Während Emppu breit grinsend zurückzwinkert, läuft das Intro an. Im Saal antworten rhythmisches Klatschen und ein lautstarker Chor von „Nightwish“-Rufen. Als Schlagzeuger Jukka zuerst die Bühne betritt, bricht ein ohrenbetäubendes Kreischen los. Unter den Zuschauern befinden sich viele noch sehr junge Mädchen, die mit jedem weiteren Musiker auf der Bühne einen weiteren, leicht hysterischen Anfall bekommen: „Bye Bye Beautiful“ dröhnt aus den Lautsprechern, und die Band legt einen Blitzstart hin. Tuomas hämmert im weißen Sakko und mit einem grauen Zylinder in die Tasten – einem Andenken aus dem Shopping-Stadtteil Camden, das den Keyboarder seit London begleitet. Anette wirbelt in einem schwarz-weißen Kleid über die Bretter, welches sofort an französische Modemacher denken lässt. Die Sängerin baut gerne modische Verbeugungen vor dem Gastland in ihr täglich wechselndes Bühnen-Outfit ein. Auch darin unterscheidet sich die Schwedin von ihrer Vorgängerin, die an jedem Abend eine festgelegte Abfolge von Kleidern passend zu den Songs bevorzugte. Doch Anette war von Anfang an fest entschlossen, innerhalb der Band ihren eigenen Weg zu gehen – und sie hat einen ganz schönen Dickkopf.

Ahnungsloses Kämpferherz

Als Anette nach langem Warten und einer bereits erteilten Absage endlich von Nightwish für den Posten der neuen Frontfrau berufen wurde, hatte es sich die Schwedin bereits gründlich überlegt. „Es ging bei unserem ersten Treffen in Finnland keineswegs nur darum, ob Nightwish mich wollten“, hatte die Sängerin kurz nach ihrer offiziellen Vorstellung selbstbewusst betont. „Mir musste dabei auch zunächst klar werden, ob ich überhaupt bei den Jungs einsteigen wollte.“ Da sie bereits ein wenig über Bühnenerfahrung verfügte, fühlte sich Anette sehr sicher, dass mit dem ausgiebigen Tourleben der Band klarkommen würde. Doch schon damals hatte Tuomas prophezeit: „Anette hat noch keine Ahnung, was ihr bei Nightwish wirklich blüht.“ Der Keyboarder sollte Recht behalten. Die Schwedin hatte die Größe ihrer Aufgabe unterschätzt, was bei den Dimensionen, die bei den finnischen Superstars herrschen, kein Wunder ist. „Wir hätten wohl einen etwas leichteren Start wählen sollen, als ausgerechnet zuerst in die USA zu gehen“, gibt sich Tuomas im Nachhinein durchaus selbstkritisch. Dabei war die Absicht eigentlich gut: Anette sollte mit den kleineren Shows dort auf die großen Hallen in Europa vorbereitet werden. Doch die Bedingungen in den Vereinigten Staaten gelten bei Musikern nicht gerade als optimal mit langen Wegen, schlechten Veranstaltungsorten mit minimaler Hygiene und fettigem Essen. Außerdem ließ der Medienrummel auch in den USA nicht nach. Daher konnte Anette, für die vieles neu war, kaum alle Eindrücke verarbeiten und geriet bis an den Rand der Erschöpfung. Bezeichnend für ihre Situation ist ein Einblick eines Mitreisenden. „Wenn mir mein Manager so viel zusätzliche Arbeit und Stress während einer Tour aufhalsen wollte, wie es bei Nightwish in Amerika der Fall war, dann hätte ich ihm längst kräftig in den Hintern getreten“, meint Greg Mackintosh von Paradise Lost, die mit den Finnen durch die Staaten zogen. Obwohl Anette, die laut Tuomas ein echtes Kämpferherz besitzt, unter diesem Druck nicht zusammenbrach, begann sie sich doch spürbar zu verändern. Wer die Sängerin in Deutschland traf, erlebte eine Person, die sich oft zurückzog und Unterstützung bei Emppu suchte, [zu] dem sie die bisher engste Verbindung in der Gruppe aufgebaut hat. Einige Monate vorher machte sie dagegen einen sehr offenen, neugierigen und kontaktfreudigen Eindruck. „Anette sucht noch ihren eigenen Raum in der Band und in der Öffentlichkeit“, meint Tuomas. „Wenn man, wie wir, viele Jahre unterwegs ist, nimmt man viele Dinge aus der Erfahrung heraus einfach als gegeben hin. Dann kommt plötzlich ein Mädchen an, das keinerlei Ahnung hat, und stellt unbequeme Fragen wie: ‚Wieso sind so viele Leute in unserem Backstage-Bereich? Ist das nicht unser Rückzugsraum?’ Da fängt man an zu grübeln. Jetzt haben wir immer zwei Räume. Einen, um uns mit Freunden und Gästen zu treffen, und einen exklusiv für die Bandfamilie.“ Nicht nur die Sängerin muss sich offensichtlich erst mit der Gruppe arrangieren, sondern es braucht für alle etwas Zeit, bis eine neue Balance gefunden wird.

Geburtswehen und Kröten

Auf der Bühne hat sich dagegen vieles längst eingespielt. Sehr zur Begeisterung des munteren Publikums läuft alles wie geschmiert. Beim zweiten Song „Dark Chest Of Wonders“ fliegt der Zylinder, und Anette kann beweisen, dass sie sich viele von ihrer Vorgängerin Tarja eingesungene Songs längst angeeignet oder auf ihren rockigen Stil neu zugeschnitten hat. Beim Singen blüht die Schwedin auf. Sie saugt die Begeisterung und Zuneigung der Franzosen regelrecht in sich hinein und gibt sie mit einer Energieleistung wieder zurück. Anette saust im hüpfenden Tanzschritt von einem Bühnenende zum anderen und schenkt der Menge ihr Lächeln. Dort oben ist sie für jeden ersichtlich in ihrem Element. „Wir haben allesamt noch längst nicht das Beste von ihr gesehen“, verkündet Tuomas später mit hörbarem Stolz. „Anette entwickelt sich mit jedem Tag ein Stück weiter. Was sie bei ihren ersten Auftritten gezeigt hat, lässt sich mit der heutigen Leistung überhaupt nicht mehr vergleichen. Niemand hat von ihr erwartet, dass sie als perfekte Frontfrau bei Nightwish einsteigt.“ Ebenso wenig konnte damit gerechnet werden, dass es keine Reibungen geben werde. Tuomas gesteht offen ein: „Wir hatten in den letzten Wochen einige Probleme miteinander.“ Nach außen hin ließen sich Nightwish nichts anmerken. Dennoch gab es minimale Anzeichen, so dass bei Kennern der Band ein leises Alarmsignal ertönte. Kleine Gesten, die eher gespürt als gesehen werden können: die Länge der Umarmung vor dem Auftritt, der Tonfall beim Betreten des Nightliners, wer sich mit wem und mit wem nicht zum Einkaufen trifft, Mitglieder, die scheinbar auf Tauchstation gehen und gemeinsame Termine auslassen. Allerdings muss jetzt niemand eine neue Katastrophe wie die Auflösung der Band befürchten: Dies sind lediglich ganz natürliche Geburtswehen einer neuen Gruppendynamik. „Anette und ich hatten obendrein fünf Wochen lang mit einer zähen Erkrankung zu kämpfen“, setzt der Bandkopf zu einer Erklärung an. „Das wirkt sich doppelt so schwer aus, wenn man dann noch fast jeden Abend einen Marathon läuft. Irgendwann schlägt das bei jedem auf die Stimmung, bis sich ein riesiger Frust aufstaut. Am Ende rutschen einem auf einmal ungewollt einige Kröten aus dem Mund, bis ein Wort das andere gibt.“

Schmetterlinge & Prinzipien

Für den zurückhaltenden Finnen sind dies ungewohnte Offenbarungen. Die lebhafte und stets äußerst direkte Schwedin kitzelt ganz neue Seiten aus dem verschlossenen Tuomas heraus. „Wir haben unsere Lektion gelernt“, gesteht Tuomas mit einem schiefen Lächeln ein. „Also setzten wir uns alle an einen Tisch und redeten ganz offen über unsere Probleme miteinander.“ Spätestens an dieser Stelle ist es an der Zeit, sich Tarjas jahrelange Klage ins Gedächtnis zu rufen, dass in dieser Band so gut wie nie über Probleme gesprochen werde. Bei diesem Thema macht der Keyboarder allerdings wieder dicht: „Es gibt Dinge, über die kann man nicht reden, und manchmal ist es für Gespräche auch viel zu spät“, wehrt Tuomas weitere Fragen kurzerhand ab. Dafür wird er wieder redseliger, als es um Anettes kleine Macken geht. „An einem Tag erklärt sie, dass sie es liebt, im Bus zu schlafen, am nächsten vermisst sie ein anständiges Zimmer“, seufzt der Finne gespielt. „Sobald wir ihr dann verkünden, dass wir wieder eine Nacht im Hotel verbringen werden, soll es lieber der Nightliner sein.“ Was Tuomas für einen Eingewöhnungsprozess hält, klingt jedoch eher nach typisch weiblicher Tagesstimmung – eine Frau kann das besser verstehen. „Das soll auch keine ernsthafte Beschwerde sein“, beschwichtigt der Mann. „Es ist nur eine amüsante Beobachtung. Nur wenn ich selbst eine miese Phase habe, geht mir so ein Verhalten plötzlich auf den Wecker.“ Tuomas muss wohl noch viel über Frauen lernen. Im Vergleich zu seinem schüchternen Verhalten im Gespräch wirkt der Text von „Whoever Brings The Night“ reichlich frech. Der Song von Emppu steht in Marseille als Nächstes auf dem Programm, und der blonde Gitarrist darf endlich einmal zeigen, dass ein Power-Metal-Herz in ihm steckt. In der Übersetzung lautet der Refrain: „All deine Liebe ist eine Lüge/Du Schmetterling einer Nacht (Anspielung auf die Eintagsfliege)/Verletz’ mich, sei die (oder der) eine/Wer immer die Nacht bringt.“ Der Verdacht liegt nahe, dass es dabei um eine bittersüße Ode an das diskret behandelte Thema „Groupies“ gehe. Davon ist jedoch bei Nightwish weit und breit nichts zu sehen. Oder sind die Finnen einfach nur besser in Sachen Geheimhaltung? „Ich bin ebenso wie Marco glücklich verheiratet und habe zwei Kinder, die ich über alles liebe“, gibt zumindest Jukka später einen Kommentar ab. „Nichts davon würde ich für das kurze, so genannte Vergnügen einer Nacht riskieren. Groupies kommen mir nicht in die Koje.“ Marco nickt dazu heftig, und Emppu weist jede Schuld von sich: „Hey, von mir stammt nur die Musik, den Text hat wie immer Tuomas verfasst“, lenkt der Blondschopf von sich ab. Tatsächlich meldet sich der Keyboarder erst wieder zu Wort, als es um seine Lyrik geht. Er lässt zwar musikalische Beiträge anderer Bandmitglieder zu, besteht aber auf seine Alleinherrschaft über die Wörter. „Es ist ein selbstsüchtiger Zug von mir, aber die Texte fühlen sich wie meine eigene Welt an“, gesteht Tuomas kleinlaut ein. „Aber ich würde mich geradezu vergewaltigt fühlen, wenn fremde Wörter auf einem Album wären.“ Offensichtlich macht der Finne kleine Ausnahmen, wenn es beispielsweise um die indianischen Wortbeiträge von John Two-Hawks in dem Song „Creek Mary’s Blood“ geht, aber sonst bleibt er seinem Prinzip 100-prozentig treu.

Tränen für den Leuchtturmwärter

Diese Erfahrung musste auch Marco machen, als er „The Islander“ komponierte. Der ruhige Song kommt in Marseille ausgerechnet nach dem schwungvollen „The Siren“ sowie dem Hit „Amaranth“ zum Einsatz. Doch anstatt sich über die vermeintliche Spaßbremse zu beschweren, gehen Arme und Feuerzeuge in die Höhe. Was für [ein] großartiges Stück die schlichte aber eingängige Nummer ist, hat sogar das Label der Finnen bemerkt und es als dritte Single von „Dark Passion Play“ auf den Markt geworfen. Die Video-Premiere findet zwar erst eine Woche später statt, aber Tuomas zeigt den Clip auf seinem Rechner: Die Band sitzt in einer seltsamen Landschaft mit ernsten Mienen in einem Feuerkreis, während ein Leuchtturmwärter ein fliegendes Schiff mit schleifendem Anker an einem Tampen hinter sich herzieht. Der visuelle Eindruck ist umwerfend. „Ich mag ja durchaus voreingenommen sein, aber für mich ist es unser bestes Video bisher“, merkt Marco völlig zu Recht an, was Tuomas zu einem kleinen Seitenhieb anstachelt. „Als wir das Ergebnis zum ersten Mal zu sehen bekamen, bemerkte ich eine Träne in den Augen unseres Bassisten.“ Dieser knurrt lediglich ein „Es war auch ein sehr emotionaler Moment“ zurück und erfreut sich lieber am nächsten Durchgang des Clips. Am Anfang waren da eigentlich nur zwei Dinge: ein großer Freund der klassischen, nordbritischen Rockband Jethro Tull namens Marco Hietala sowie eine akustische Gitarre. „Der Einfluss von Jethro Tull in diesem Song lässt sich wirklich nicht überhören“, freut sich der Bassist. „Alles, was man liebt, schlägt sich irgendwo nieder. Ich hatte nur herumgespielt, als plötzlich ein nettes Riff aus dem Nichts auftauchte. Ein paar Minuten später war auch noch ein Refrain entstanden.“ In einem Backstage-Raum in Stockholm findet sich die Fährte des Songs wieder. „Marco spielte mir vor der Show einen Song vor, und sofort hatte ich das Meer, eine Insel, einen alten Mann und einen Leuchtturm im Kopf“, erzählt Tuomas. „Es war fast unheimlich, wie sich der Text von selbst schrieb.“ Der Keyboarder bittet den Bassisten spontan, ihm den „keltischen“ Song für das nächste Nightwish-Werk zu überlassen. „Ungefähr die Hälfte der Lieder, die ich Tuomas vorstelle, landen auf einem Album“, freut sich Marco.
„Manchmal kann es hart sein, ein Stück gehen zu lassen. Doch für meinen Text hatte ich bereits meine andere Band Tarot und den Song ‚Howl’ im Auge.“ Im Studio nimmt „The Islander“ dann endgültig Form an, wobei sich alle Beteiligten schnell einig sind, bis auf den Keyboard-Eintrag keine Elektronik einzusetzen, weil die Melodie eine akustische Natur besitzt. In einem vorletzten Schritt kommen bei den Orchesteraufnahmen noch die Low Whistle und Uilleann Pipes von Troy Donockley hinzu. „Das war eine große, aber wundervolle Überraschung für mich, als Tuomas mit diesen fantastischen Klängen aus London zurückkam“, berichtet Marco. „Allerdings mussten wir den Song dafür auf B-Moll herunterstimmen, denn der Dudelsack schafft es nicht bis auf C-Moll. Aber das war es wirklich wert.“ In dem Schotten Troy haben Nightwish inzwischen einen treuen Freund gefunden. Dieser ließ vor lauter Begeisterung seine Arbeit sausen: Statt, wie vorgesehen, nur die Konzerte in London mitzuspielen, reiste er quer durch die britischen Inseln mit und tauchte als Überraschungsgast für die Band sogar in Dublin auf. „Die Iren sind ausgeflippt, als eines ihrer nationalen Instrumente auf der Bühne auftauchte, und uns fielen die Kinnladen runter, denn wir hatten Troy überhaupt nicht erwartet.“ Sogar bis nach Lappland eilte der Dudelsackpfeifer den Finnen hinterher, um seinen Beitrag auch im Video-Clip von „The Islander“ zu verewigen. Wie so vieles im Zusammenhang mit diesem Song, verliefen auch die Dreharbeiten ungewöhnlich glatt. Sogar das Wetter schien mithelfen zu wollen. „Es war ein kalter Tag hoch im Norden, aber wir hatten ein unglaubliches Glück, als dichter Nebel aufkam“, wundert sich der Bassist. „Wir konnten auf die Nebelmaschinen verzichten.“ Er erzählt lebhaft, wie sich Band und Filmcrew in einem gefährlich schwankenden Anhänger von einem schweren Traktor durch den Wald und steinige Felder ziehen ließen. Das Ziel der Reise befand sich auf einer felsigen Hügelspitze. „Die Einheimischen nennen diesen Ort ‚Das Feld des Teufels’, weil dort überhaupt nichts gedeihen will.“ Da soll sich noch ein Schwarzmetaller über Nightwish beschweren – schließlich würden religiöse Fundamentalisten spätestens an dieser Stelle sofort höllischen Schwefelgeruch wittern. Marco ist das jedoch mehr als egal, denn an anderer Stelle konnte er sich doch noch durchsetzen. „Auf dem Album erklingt der letzte Chorus nicht in der von mir ursprünglich gewünschten Fassung“, offenbart der Mann mit dem Gabelbart. „Als sich mir die einmalige Gelegenheit bot, für die Single doch wieder mein Ende einzubauen, raste ich sofort ins Studio und spielte es ein. Ich hätte ursprünglich nicht nachgeben sollen, denn jetzt knallt es erst richtig. Ha!“ Aus Marcos triumphierenden Ausruf spricht die endlich befriedigte Seele eines Künstlers. Offensichtlich hatte ihn die Korrektur seiner Kollegen doch viel mehr gewurmt, als er es zugeben wollte. Ein kleineres Problem stellt der Umstand dar, dass der Bassist sämtliche Gitarren für „The Islander“ eingespielt hatte. „Emppu musste den Song noch von Grund auf lernen, während wir ihn aber bereits live aufführten.“ „Deshalb tauften wir ihn zu ‚The Thailänder’ um“, petzt Marco, und der Gitarrist motzt scherzhaft zurück: „Es war eine verdammt bescheuerte Idee, mich auf diese Art einzuarbeiten.“ Auf den letzten Kommentar folgt ein mehr oder minder mitfühlendes Gelächter der gesamten Runde: Die Stimmung ist blendend. „Die ganze letzte Woche war unsere bisher beste Zeit in dieser Besetzung“, nickt Tuomas zustimmend.

Freundliche Attentäter

Eine richtige Bombenstimmung herrscht auch während des restlichen Konzerts in Marseille. Auf das monumentale „Poet And The Pendulum“ folgt zunächst „Dead To The World“ und dann eine faustdicke Überraschung: „While Your Lips Are Still Red“ vom Soundtrack des finnischen Films „Lieksa!“ kommt zur Aufführung, und Anette sowie Emppu können sich hinter den Kulissen eine kleine Pause gönnen. Das weitere Programm folgt dem bekannten Muster: „Sahara“ und „Nemo“ als angeblich letzter Song und dann der Zugabenteil mit „Seven Days To The Wolves“, „Wishmaster“ sowie „Wish I Had An Angel“. Dabei lässt sich doch ein Unterschied feststellen: Inzwischen hat Anette den Klassiker „Wishmaster“ im Griff, der ohne opernhaften Gesang nie wieder zu funktionieren schien. Damit bestätigt sich Tuomas’ Aussage, dass sich die Sängerin stetig weiterentwickle und verbessere. Die Franzosen hätten ihre Lieblinge vermutlich auch ohne dieses Sahnehäubchen mit stehenden Ovationen in die Feiernacht geschickt. Nightwish gönnen sich auf den großartigen Erfolg spontan eine kleine Feier, woran auch Manager Ewo nicht unschuldig ist. Sein neuestes Lieblingsgetränk schimpft sich „Dennis The Menace“ (siehe Kasten), und beim Mixen ist die Titelmelodie der gleichnamigen Kinderkomödie zu singen. Als der Sicherheitsdienst die Bands in ihre Busse schickt, geht es im umgebauten Mercedes-Transporter weiter. Anette tanzt, bis die Kiste wackelt, und Peter Tägtgren erläutert, warum die Hit-Scheibe von Tattoo eine ganz tolle Produktion habe. Irgendwann in der Nacht schlägt Ewo dann wohl vor, einfach in der leeren Koje im Nightwish-Bus nach Toulouse mitzukommen, weil sie dort die Pyrotechniker mit einem Knall in die Heimat verabschieden werden. Dann verliert sich die Erinnerung im Nebel. „Dennis The Menace“? Das erklärt die pelzige Zunge. Und der Knalleffekt? Da sind eigentlich gleich zwei: Zunächst werden Rauchbomben unter dem Pain-Transporter installiert und der Fahrer unter einem Vorwand zum Umparken gerufen. Zum Glück hat der Mann Humor, denn die Dinger gehen mit einem mächtigen Rums hoch und qualmen. Pain amüsieren sich köstlich und kommen zufällig aus allen Richtungen mit Feuerlöschern angelaufen. Allerdings wissen die Schweden nicht, dass ihnen Nightwish heute Abend eine anständige Pyro-Show spendiert haben. Flammen und Funkenfontänen sorgen bei Pain zuerst für einen gehörigen Schrecken und völlig verdutzte Gesichter. Anschließend verbeugen sich Herr Tägtgren und seine Mannen tief vor Nightwish und ihren Pyrotechnikern. „Welche andere Gruppe gibt ihrer Vorband jeden Abend volles Licht und vollen Sound und spendiert ihnen dann noch ein amtliches Feuerwerk?“, bedankt sich Peter mit feucht schimmernden Augen. „Ich habe auf dieser Tour allergrößten Respekt vor dieser fantastischen Band gewonnen.“ Damit spricht der Produzent vieler Black- und Death-Metal-Alben und Mastermind hinter Hypocrisy den Finnen ein großes Kompliment aus, welches Ewo umgehend zurückgibt: „Wir hatten noch nie eine bessere Eröffnung als durch Pain – wir lieben diese Jungs“, spricht der Manager und beginnt, summend eine Runde „Dennis The Menace“ zu mixen. Also darum Toulouse …



Nightwishs Heimkino-Parade 2008

Heutzutage hat jedes Mitglied einer Band im eigenen Laptop überall ein DVD-Abspielgerät dabei, egal ob im Tourbus oder im Hotelzimmer. Deshalb werden in fast jeder größeren Stadt die Regale des erstbesten Fachmarkts für Unterhaltungselektronik angesteuert. Nightwish stellen exklusiv für die Zillo-Leser ihre aktuellen Höhe- und Tiefpunkte vor.

Anette Olzon

Top: „Kohu 63 Amerikassa“ – „Eine finnische Punkband in einem Roadmovie auf Tournee durch die USA. Wenn man einen Tiefpunkt auf Reisen hat, bringt einen dieser Streifen wieder ganz weit nach oben. Ansonsten immer noch und jederzeit wieder: ‚Gladiator’. Für mich ist das der beste Film aller Zeiten.“

Flop: „Hated: GG Allin And The Murder Junkies” – “Einige Leute finden es anscheinend kultig, wenn ein Sänger seinen Darm auf der Bühne entleert oder ähnlich ekelige Dinge anstellt. Mir dreht sich dabei jedoch nur der Magen um. Von dieser widerlichen Dokumentation habe ich mich schnell abgewendet.“

Tuomas Holopainen

Top: „Into The Wild“ („In die Wildnis“) – “Eine schlichte und dennoch äußerst komplexe Geschichte. Ich liebe auch das Buch, aber Sean Penn liefert im Film eine beeindruckende Leistung ab. Die Handlung bringt einen zum Grübeln und macht auf beschämende Art deutlich, wie viel Mist man in seinem Besitz hat.“

Flop: „Evan Allmächtig“ – „Ich hatte mich eigentlich auf eine ähnlich witzige Komödie wie dessen Vorläufer ‚Bruce Allmächtig’ gefreut. Aber eine wirre Story um den Bau einer Arche und die schauspielerische Fehlleistung lassen gar keinen Spaß aufkommen. Ich habe leider nicht ein einziges Mal gelacht.“

Jukka Nevalainen

Top: „Into The Wild“ – „ … ist exzellent, aber ‚This Is England’ hat mich noch mehr berührt. Es geht um jugendliche Skinheads in der Zeit von Margaret Thatcher. In ihrer sinnlosen Fremdenfeindlichkeit wird die ganze Traurigkeit unserer Realität deutlich oder man wundert sich, wie Marco sagt, über soviel Blödheit.“

Flop: „Black Sheep“ – „Das sollte eigentlich eine witzige Horrorkomödie aus Neuseeland nach dem Vorbild von Peter Jackson sein. Genetisch manipulierte Killerschafe ergeben aber einen furchtbar schlechten Film. Wer nur 20 Minuten Zeit hat, kann dennoch zugreifen: Danach schaltet sowieso jeder ab.“

Emppu Vuorinen

Top: „Into The Wild“ – „Dieser Film gehört für mich an die erste Stelle. Er hält uns allen einen Spiegel vor, wie wir uns viel zu sehr an Geld und materielle Dinge klammern.“

Flop: „Black Sheep“ – „Ich kann mich noch so anstrengen, aber mir fällt leider kein anderer Kandidat ein, der mit diesem Stimmungstöter mithalten könnte. Und ich muss petzen: Marco hat sich den Streifen ganz reingezogen – mit der billigen Ausrede, nichts anderes zu tun zu haben. Dabei reichen drei Minuten.“

Marco Hietala

Top: „Withnail & I“ – „Unser Freund am Dudelsack, Troy Donockley, hatte Tuomas diesen Film über eine Landpartie arbeitsloser Schauspieler aus der Großstadt empfohlen. Ich war von seiner liebevollen Charakterisierung sehr positiv überrascht, zumal mir auch der absurde, britische Humor zusagt.“

Flop: „Doom – Der Film“ – „Aus einer künstlerischen Perspektive geht der Titel mit Sicherheit an diese Computerspiel-Verfilmung mit Dwayne ‚The Rock’ Johnson. Am Ende hatte offenbar auch das Abspielgerät die Geduld verloren und weigerte sich strikt, uns das Finale zu zeigen – was wohl auch besser war.“


Kasten:

„Dennis The Menace“

Ewo Pohjolas Rezept
(von Anette abgesegnet)

Ein 0,5-l-Glas auffüllen mit:

4 cl Wodka
(Tuomas: „6 cl sind besser.“)

2 cl Bananenlikör
(Tuomas: „4 cl bringen mehr.“)

H-Milch und Eiswürfeln

Prost!

added by Oceanborn on 17.05.08article also available in:  | printer friendly version

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