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[Original] metal-district.de: Nightwish - Dark Passion Play (2008-06-17) - Reviews

Quelle: metal-district.de
Autor: SirLordDoom


Ja, warum tu ich mir das an? Aber einer muß es ja machen, oder? Nun ist das gute Stück schon einige Zeit auf dem Markt und im Grund hätte ich mich nicht zu einer Kritik genötigt gesehen, weil die Band sich wie von selbst im Stile geschnittenen Brotes verkauft. Aber ich wurde genötigt, von meiner dieser Scheibe verfallenen Frau Oberfeldwebel. Und was Frau Oberfeldwebel sagt, das hat sich zu erfüllen.
Ich bin sicher kein allzu großer Fan von gepflegtem Opern - und Bombastrock und - metal, aber so manch ein feines Stück Musik ist schon dazwischen, so wie die "Dracula Rock Opera" von Premiata Forneria Marconi, kurz PFM, einer 70er Kultband aus Italien.
So lassen wir sie laufen. "Poet and the pendulum" gibt den Einstand. Natürlich mit Disneyeskem Märchenpompsound inklusive Elfengesang und Zauberwaldmelodien im orchestralen Gewand. Dann irgendwann donnert es los, das Schlagzeug, der Bass, das Orchester und schließlich landet man bei einer gewaltigen Heavy Metal Abfahrt. Diese schafft Platz für die eher straighte, rockige Strophe, die nur dezent vom Orchester begleitet wird. Erst der Refrain und die Bridge zur kommenden Strophe blasen uns wieder die Frisuren um. Die Melodie der neuen, sehr angenehmen Sängerin, ist nicht weltbewegend, sehr solide und geradlinig. Der Chorus ist natürlich sehr hymnisch und trieft nur so vor Pathos. Durch den Einsatz des echten Orchesters hat der Song an sich aber ein sehr natürliches, echtes Feeling. Ein ruhiger, von Streichern getragener Mittelteil mit bezauberndem Gesang darüber streichelt die Sinne, entwickelt sich langsam zu einem im wahrsten Sinne des Wortes schönen Bombastpop, wird dann rhythmisch etwas rockiger, bleibt aber oberhalb dessen geschmeidig. Eine dramatische, sehr wuchtige Orchesterpassage kommt, geflüsterter Text, eine geheimnisvolle Stimmung, tosende Melodien und dann eine wilde Geigenabfahrt über treibendem Heavy Metal. Gitarren, Keyboards und Geigen spielen neoklassische Hiddelehiddele - Soli, dann folgt eine kratzige, dreckige Metalpassage mit aggressivem Geschrei eines Herren (Bassist Marco Hietala) und man landet wiederum beim melodisch pompösen Refrain. So weit, so gut, aber wo wäre die Band ohne diesen Bombast? Ich schaue mich verwundert um. Der zweite Song? Eine sanfte Ballade mit Elfengesang? Nein, nur ein Teil des Longtracks. WOW. Es gibt wieder einen schönen, verträumten Lauf und jetzt kommt der zweite Song.
Die Gitarren bei "Bye bye, beautiful" sind wie der ganze Song sehr modern, keine richtigen Riffs, eher verzerrte und doch nicht heavy zu nennende Rhythmusläufe. In der Strophe hat der Song einen folkigen Charakter, der Refrain ist eher straighter moderner Metalrock mit monotoner Gesangslinie, die sehr aggressiv vorgetragen wird. Powermetaleinflüsse sind auszumachen, auch elektronische Elemente, die aber eher ganz im Hintergrund. Kein schlechter Song, sofern man sich von den Genredogmen entgültig freimachen kann.
Ein hübscher Song im 80er Popstil, nur eben mit den tiefergestimmten Gitarren, die außer Deathnotes keinerlei Input bringen, eingängigem Refrain, orchestraler Begleitung und dezenten Keyboards ist dann "Amaranth", die Single zum Album, naja, eine derer.
"Cadence of her last breath" hat groovige Riffs und nervöse Rhythmen, dazu dann wieder coole orchestrale Parts und einen freundlichen Hardrockrefrain. Der Gesang ist, wie schon beim letzten Song, sehr gut zu nennen. Die neue Frontfrau hat eine angenehme, helle Stimme, die eher zum anspruchsvollen Pop der frühen 80er wie Kate Bush oder Mike Oldfield passen würde, aber auch in diesem hardrockigen und metallischen Kontext eine gute Figur abgibt.
Der modernere Metaleinschlag der Band an sich ist schon okay, auch wenn hier wieder vieles sehr begradigt und einige Songs zu sehr auf den Gesang zugeschnitten sind. Ob NIGHTWISH wirklich ihre Wurzeln im Metal haben, kann ich nicht bestätigen, da sie sich vieler Elemente bedienen, die mit dem originalen Sound nicht mehr zu vergleichen sind.
"Master passion greed" thrasht dann ungemein aggressiv los, die Frau schweigt, Marco singt ähnlich wie Snake von VOIVOD und ein wenig spacig und futuristisch in Richtung VOIVOD tendiert die Strophe dann auch. Selbst die schrubbenden, staubtrockenen Riffs erinnern an die Kanadier. Der Bombastrefrain ist dann wieder typisch NIGHTWISH. Die Solopassage hat was von dem bekannten finnischen Bombastmetal. Eigenwillige Mixtur, aber nicht übel. Nach dem Opener mein Favorit bisher.
Die folgende Ballade "Eva" ist freundlich, gut anzuhören, aber ein wenig zu geschmeidig, um als absolute Macht durchzugehen. Nett, mehr nicht.
Besser scheint "Sahara", ein pompöser Altmetallstampfer mit fetter Orchesterbegleitung, majestätischen Vocals und dunklem Ausdruck. In der Strophe scheint die gute Frau hier echt wie verwandelt, von der braven Edelpopdiva zur wahren Hexe. Yeah, dieses Stück ist wieder ein Highlight. Hypnotische Rhythmen, mystischer Bombast, schwere Riffs, hier ist alles vertreten, was einen guten Song ausmacht. Die gelegentlich auftretenden Popmelodien sind gut eingebaut. Wichtiger sind die vielen kleinen Drehungen und Wendungen der Komposition. So bleibt es für eine Weile ein frischer Song.
Ohne diese straighten Popmelodien und mit mehr solchen Songs insgesamt wären NIGHTWISH Könige für mich persönlich. Diese letzte Hürde wird aber wohl nie genommen. Dazu ist die Band zu dick im Geschäft mit der populären Musik.
Nun die entscheidende Frage, "Whoever brings the night"? Na, weiß es jemand? Endlich mal ein abgefahrenerer Song mit ebensolchem Gesang von der schönen Frau. Natürlich ist der orchestrale Einschlag wieder sehr deutlich zu vernehmen, aber die Strophe ist spacig, fortgeflogen. Der Refrain kommt dann zwar eingängig, aber auch sehr irre daher. Ein Zwischenspiel mit gewaltigen Opernmelodien, aggressiv metallischer Grundinstrumentierung und wuchtig - metallisch klingenden Percussions reißt Dich mit sich, stürzt Euch dann förmlich hinein in einen gesunden Headbangerpart, der wieder zum Refrain führt. Wow. Das hätte ich von dieser Band nicht mehr erwartet.
Nun ist mit "For the heart I once had" auch kein adäquater Nachfolger in Hörweite, sondern lediglich freundlicher Poprock im AOR Gewand mit verpopptem Gesang. Nicht Scheiße, nein, nur irgendwie wenig von Belang. Auch der heroische Refrain rettet dieses Stück nicht so recht über das solide Mittelmaß hinaus. Aber man kann es hören, ohne gleich komplett abzudrehen.
"Islander" ist dann ein folkigerer Song, der an viele Frühsiebzigerbands erinnert und für den vorherigen AOR Schmotz entschädigt, mehr als das, dieser Song fesselt einen wirklich. Also, sie können es doch. Ich wünsche mir von dieser Band mehr Folkrock, mehr traditionelle Musik, mehr Prog auch, dafür weniger von dem 90er Metalpop, der die Band zuletzt in die Charts gebracht hat. NIGHTWISH können mehr als das, was da auf Scheiben wie "Once" dargeboten wurde und sie bringen auch verdammt viel mehr auf dieser CD. "Islander" ist wunderschön, diese keltischen Elemente, das ist ergreifend schön und einer der am weitesten vom Rock und Metal entfernten Songs hier.
"Last of the wilds" ist hiernach ein rockiges Instrumentalstück und natürlich ganz deutlich dem Irish Folk in Punkto Melodien entlehnt. Die Leidenschaft der Musiker ist so intensiv spürbar, daß ich mich fast vergessen möchte. Ich hätte einen solchen Song eher auf einer neuen CRUACHAN LP erwartet. Gigantisch.
Kurz vor Ende der überlangen CD haben NIGHTWISH also nochmal richtig einen draufgelegt. Vergessen sind die Schmähworte, mit denen ich die Band gerne bedachte, ich umarme sie, öffne ihnen meine Seele.
Ich finde, daß dieses Album wesentlich lebendiger und natürlicher klingt als die vorherigen Scheiben, weil die Produktion wieder ein ganzes Stück von der digitalen Perfektion des Klanges abgerückt ist. Man spürt wieder richtig, wie die Band hier musiziert. Lovely.
"Seven days to the wolves" hat gemässigtes Stakkatoriffing, einen mystisch - bombastischen Ausdruck, klingt wie die Untermalung eines herbstlichen Unwetters. Aber dann kommen da auch wieder folkige Melodien von der Geige, die Leads spielt. Der Refrain ist straight, aber irgendwie gut.
Mit "Meadows of heaven" gibt es noch eine Lehrstunde in Sachen Bombastrock, alles schön smooth gehalten. Guter Song in der Tat, nein, sogar ein sehr guter Song.
Ein überraschendes Album, welches ich ungefähr so gut finde, wie vor gut 10 Jahren die "Oceanborn" (welche ich im Nachhinein aufgrund von NIGHTWISH Ermüdung und Überhype dieser Band weggegeben habe). Nicht mehr so revolutionär, aber genauso spannend und leidenschaftlich. Ich mag die Scheibe!

added by Oceanborn on 15.02.09article also available in:  | printer friendly version

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