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[Original] Metal Heart: Superstars, Legende oder die ganz normale Geschichte eines Jungen vom Land? (2004-06) - Articles

abgetippt von KaiserClaudius

Wir haben versucht zu beleuchten, was so außergewöhnlich ist an der Band, die derzeit (nicht nur) die Metal-Welt in Aufregung versetzt

TARJA TURUNEN - DIVA OHNE ALLÜREN

Frühling – die Natur erwacht aus dem Winterschlaf die Tage werden länger, und die wärmenden Strahlen der Sonne lassen uns sehnsüchtig vom nächsten Sommerurlaub träumen . Nichts scheint in dieser Jahreszeit ferner zu liegen als der Gedanke an Weihnachten. Doch genau die winterlichen Festtage sind es, mit denen sich Tarja Turunen in den letzten Wochen besonders Intensiv beschäftigt hat, denn ihr für dieses Jahr geplantes erstes SoloProjekt soll ein Album mit traditionellen Weihnachtsliedern werden! ”Die Platte erscheint zunächst nur in Finnland, aber wenn sie gut ankommt, wird sie vielleicht auch in anderen Ländern veröfffentlicht. Trotzdem werde ich nicht nur auf Finnisch singen, sondern auch auf Englisch, und eventuell wird es sogar Lieder auf Spanisch oder Deutsch geben”, verrät die Nightwish-Frontfrau. In gewisser Weise stellt dieses Release einen Test dar, wie das Publikum auf Tarja als Solo-Künstlerin reagiert, denn neben dem Weihnachtsalbum arbeitet die finnische Vokalistin noch an einem weiteren Tonträger, zu dessen musikalischer Ausrichtung sie zum Zeitpunkt unseres Interviews allerdings nichts Genaueres bekannt geben kann: ”Ich habe einen Produzenten in Finnland, von dem ich aber bis jetzt noch keine Songs gehört habe. Er hat mir erst vor kurzem ein Demo mt zehn Tracks gegeben, die ich mir anhören werde, wenn ich nach Argentinien gehe. Ich bin etwas nervös, weil ich seinen Stil nicht so genau kenne und nicht weiß, ob seine Stücke zu mir passen werden. Davon hängt letztlich alles ab.”
Also wird sich Tarja im sonnigen Argentinien, das für sie mittlerweile zur zweiten Heimat geworden ist, einen ersten Eindruck von der Tauglichkeit des Materials verschaffen. Nach einer kurzen Stippvisite in Deutschland, wo Tarja neben einem Auftritt bei der RTL-Show „Top Of The Pops“ auch in Karlsruhe auf der Bühne stand, um gemeinsam mit Freunden klassische Stücke finnischer Komponisten vorzutragen, ging es Ende April auch schon wieder zurück nach Südamerika, wo Tarja bereits zu Beginn des Jahres weilte, um unter anderem ihr Debut als Gesangslehrerin zu geben: „Im Rahmen von Privatstunden habe ich zwar schon daheim in Finnland unterrichtet, aber noch nie einen kompletten Kurs geleitet. Meine 13 Studenten waren sehr nette junge Menschen, zum Teil etwas älter als ich, manche auch jünger. Das war für mich eine schöne Erfahrung, durch die ich selbst sehr viel gelernt habe.“
In Argentinien kann Tarja auch endlich ausreichend Zeit mit ihrem Ehemann Marcello verbringen. Vor vier Jahren haben sich die beiden kennen gelernt, als Marcello die damalige Südamerikatour von Nightwish organisierte. „Es war keine Liebe auf den ersten Blick“, erinnert sich Tarja, „aber nach zwei Wochen haben wir uns schon über Gott und die Welt unterhalten. Es war ein ziemlich mieses Gefühl, als ich wieder nach Hause fahren musste. Seitdem hasse ich den Flughafen von Mexico City. Ich hatte das Gefühl, dass ich diesen Mann niemals wiedersehen würde, da Südamerka so weit entfernt liegt und es mir ziemlich dumm erschien, anzunehmen, dass wir jemals eine Beziehung haben könnten. Alle Werte in meinem Leben brachen zusammen, und ich redete mir ein: „Du wirst einen Finnen heiraten, okay?!“ Doch bald darauf kam Marcello nach Finnland und blieb einen ganzen Monat. Und jetzt bin ich so glücklich wie schon lange nicht mehr!“ Nach der standesamtlichen Hochzeit fand am 26. Juli vergangenen Jahres an einem wunderschönen, sonnigen Tag in Tarjas Geburtsstadt Kitee im Beisein von Freunden, Familie und den Nightwish-Kollegen die kirchliche Trauung statt, bei der die Sängerin ein cremeweißes Kleid trug, das eigens für sie in Argentinien gefertigt wurde. Seitdem war das Paar aus beruflichen Gründen immer wieder getrennt, was für Tarja nicht ganz leicht ist: „Natürlich ist es hart, wenn man an verschiedenen Enden der Welt lebt und ich zudem ständig auf Reisen bin. Aber wenn Marcello in Finnland einen Nine-To-Five-Job hätte und darauf warten müsste, dass ich von einer Tour zurückkehre, dann wäre das auch nicht einfacher.“
Trotzdem haben die beiden inzwischen ein gemeinsames Zuhaus in Finnland bezogen, das Tarja in der letzten Zeit allerdings eher selten zu sehen bekam, denn neben ihrem Aufenthalt in Argentinien galt es immerhin auch, das neue Nightwish-Album „Once“ aufzunehmen, wobei sich die Arbeit diesmal im Gegensazt zu früheren Werken äußerst entspannt und harmonisch gestaltete: „Wir hatten eine Menge Spaß, und alles war viel einfacher als früher, weil die Atmosphäre innerhalb der Band sehr viel besser ist. Ich glaube, den absoluten Tiefpunkt haben wir mit Nightwish bereits überstanden. Tuomas und ich wollten ungefähr zur selben Zeit die Brocken hinschmeißen. Aber wir haben uns alle wieder zusammengerauft und ein wirklich phantastisches Album gemacht.“ Neben dem gewohnten Bombast fällt bei dem fast schon einem Soundtrack ähnelnden Once vor allem die großartige Instrumentierung auf, denn Nightwish haben Teile der Songs gemeinsam mit dem London Session Orchestra eingespielt, das auch beim „Der Herr der Ringe“-Filmscore mitgewirkt hat. Tarja selbst konnte bei den Arbeiten in London zwar nicht zugegen sein, zeigt sich vom Ergebnis jedoch zutiefst beeindruckt: „Das Orchester und der Chor klingen absolut wundervoll – als ich die Musik zum ersten Mal hörte, rief ich laut: „Das wird auf unsrem Album sein? Wow!!!“ Das macht natürlich einen großen Unterschied gegenüber dem bisherigen Nightwish-Sound aus.“
Als kleiner Vorgeschmack auf den am 07. Juni erscheinenden Longplayer wurde Anfang Mai bereits die Single „Nemo“ ausgekoppelt. Der Titel ist übrigens das lateinische Wort für „niemand“ und wie Tarja lachend klarstellt: „Wir hatten den Titel schon ins Auge gefasst, bevor der Film in die Kinos kam, und haben uns schiefgelacht, als wir das bemerkten. Es hat auf jeden Fall nichts mit „Findet Nemo“ zu tun. Wir haben mit einem berühmten Regisseur (Antti Jokinen, der unter anderem bereits Clips für Eminem und Shania Twain produziert hat – Anm.d.Verf.) ein Video zu dem Song gedreht, und ich hoffe mal, dass es zumindest in Europa ein großer Erfolg wird, denn es hat wirklich ein Schweinegeld gekostet! Man wird die Story von „Nemo“ im Clip wiedererkennen, obwohl das Skript von anderen geschrieben wurde. Die Geschichte ist jedenfalls sehr traurig und dreht sich wieder um die Unschuldsthematik. Es ist zwar sicher nicht das beste Lied des Albums, aber für eine Single und ein Video hat es sich am besten geeignet.“
Bei der großen Releaseshow, die Nightwish am 22. Mai in der Eissporthalle von Kittee geben, wird das neue Material erstmalig live präsentiert, bevor die Finnen im Juni und Juli auf diversen Festivals spielen. Und trotz jahrelanger Bühnenerfahrung leidet Tarja immer noch an Lampenfieber; „Ich bin unheimlich sensibel und vor einem Konzert immer wahnsinnig nervös. Ich kann nur so viel sagen; die Toilette ist vor einem Auftritt dauerbesetzt! Aber sobald ich mit Nightwish die Bühne betretet, ist die Aufregung verflogen und ich kann den Gig wirklich genießen.“ Bei klassischen Konzerten leidet Tarja hingegen auch während des Auftritts unter Nervosität, weil sich die Perfektionistin mehr als bei Nightwish-Sets auf ihre Gesansgtechnik und ihre Stimme konzentriert. Zu gerne würde sich Tarja einmal selbst beim Interpretieren klassischer Stücke zuhören könne; „Ich möchte gerne wissen, ob ich wirklich so gut bin, wie die Leute immer behaupten. Es fällt mir nämlich schwer, das zu glauben... was ein echtes Problem für mich ist. Doch auch meine Gesangslehrerin in Deutschland sagte mir, dass ich etwas ganz Besonderes in meiner Stimme habe, und sie respektiere ich sehr. Von ihr habe ich so viel gelernt, und ich glaube, ohne sie wäre ich nicht das, wo ich heute bin.“
Neben der Nervosität ist für Tarja auch oft das Essen auf Tour ein Problem, denn die Sängerin verträgt weder Zucker noch Weizenmehl und kocht deshalb gerne zu Hause, sofern ihr Terminplan dies zulässt; „Ich bereite hauptsächlich fettarme Speisen zu; bei mir kommen also vor allem Gemüse, Hühnchen und Fisch auf den Tisch, die ich zusammen mit leckeren Rot- und Weißweinsaucen serviere. Das fehlt mir sehr, wenn ich unterwegs bin. Dann bekommt man ja meist nur Junkfood und solch fettiges Zeug. Im Restaurant ist das Essen zwar nicht schlecht, aber mit Selbstgekochtem kann es trotzdem nicht mithalten.“
Als Entschädigung für das dürftige Nahrungsangebot gönnt sich Tarja dann unterwegs gerne mal ein neues Paar Schuhe, denn schicke Fußbekleidung ist eine kleine Schwäche der finnischen Künstlerin, wie sie lachend gesteht; „Ich bin ein echter Schuhfreak! Meine Freunde sind jedes Mal entsetzt, wenn ich nach Hause komme und schon wieder neue Schuhe gekauft habe. Ich habe mich bisher auch nicht getraut , meine Schuhe zu zählen, denn dann müsste ich mich wahrscheinlich umbringen. Ich weiß ja, dass es nicht in Ordnung ist, aber ich liebe Schuhe einfach zu sehr!“
Noch schlimmer, als die genauen Ausmaße ihrer Schuhsammlung zu kennen, wäre es für Tarja allerdings, eines Tages ihre Stimme zu verlieren und nicht mehr singen zu können, denn die Nightwish-Frontfrau definiert sich zu 100 Prozent über den Gesang, der nach ihrer eigenen Aussage ihr ganzer Lebensinhalt ist: „Es gab eine Situation, als schlimme Dinge in meiner Familie passiert sind und mir alles gleichgültig war. Doch eines stand für mich immer fest: Wenn ich eine Woche lang nicht singe, geht es mir schlecht, aber würde ich zwei Wochen lang nicht singen, wäre das mein Tod! Der Gesang bin ich, und meine engen Freunde verstehen das auch. Wenn ich beispielsweise morgens mit einer Erkältung aufwache und keine Stimme mehr habe, dann bin ich furchtbar angefressen und kann ein richtiges kleines Arschloch sein. Aber zum Glück bleibe ich meist nicht sehr lange giftig“
Daniela Sickinger

TUOMAS HOLOPAINEN – DER JUNGE VOM LAND; DER SICH EINFACH NUR VERWIRKLICHEN WOLLTE

Eigentlich hätte er ja Umweltwissenschaften studieren und danach als Ökologe irgendwo in der Natur seinen Lebensunterhalt bestreiten wollen. Schließlich hat er sich draußen im Freien, auf dem Land, fernab der Stadt, immer schon am wohlsten gefühlt.
Er ist gerade frisch an der Universität eingeschrieben, als der junge Tuomas Holopainen sein Schicksal, ohne es zu ahnen, in eine ganz andere Richtung lenkt. Bereits seit langer Zeit überkommen ihn immer wieder heftige Stimmungen. Das, was um ihn herum geschieht, berührt ihn viel stärker als seine Mitmenschen, und er sucht nach einer Möglichkeit, seine Emotionen zu verarbeiten, seinen Empfindungen Luft zu machen. Eines Tages, es ist irgendwann im Jahr 1996, kommt ihm eine Idee: Er könnte ganz nebenbei ein bisschen Musik machen und sich in den Liedern all seine Gefühle von der Seele schreiben. Er könne das, was in ihm vorgeht, musikalisch zum Ausdruck bringen und es dadurch verarbeiten.
Tuomas tut genau das. Gemeinsam mit einigen Mitstudenten am Lagerfeuer. Einfach nur so zum Spaß. Er merkt, dass er die richtige Entscheidung getroffen hat: Ganz offensichtlich geht es ihm gut, wenn er seine Gefühle und Ideen in die Musik fließen lassen kann.
Und ganz offenbar fühlen sich auch andere gut dabei, wenn sie seine Songs hören. Als 1997 mit „Angels Fall First“ das erste Album von Tuomas' Band Nightwish erscheint, ist sein weiterer Lebensweg besiegelt. In den nachfolgenden Jahren wird der Student die Menschen begeistern wie kaum ein anderer. Nightwish stürmen die Charts und mutieren zu einer der international erfolgreichsten Heavy-Fornationen aller Zeiten. Die Band wird innerhalb nur weniger Jahre zur Legende und findet zahlreiche Nachahmer.
Dabei wollte Tuomas Holopainen, der Student mit der Vorliebe für ländliches Leben und Natur, gar kein Rockstar werden! Ich habe nie vor dem Spiegel posiert und mir vorgestellt, wie es wäre, auf einer Bühne zu stehen“ lächelt er bescheiden. Er sitzt in einer Kneipe in der finnischen Hauptstadt und macht trotz der vielen Leute um ihn herum einen eher zurückgezogenen Eindruck. Er trägt schwarze Jeans, ein schwarzes Hemd und tiefschwarz gefärbte Haare. An seinem Hals blitzt ein silberner Rosenkranz. Tuomas sitzt still in einem Eck, ein bisschen entfernt vom großen Kneipentrubel, und blickt auf sein Glas. Er ist nicht der Typ, der sich unter die immer fröhlicher und angetrunkener werdende Menge mischen und fragen würde, ob die Jungs den neuesten Witz schon kennen. Er ist der Typ, der sich nichts sehnlicher wünscht, als wieder aus Helsinki abreisen und in seine ländliche Umgebung zurückkehren zu dürfen. Würde nicht das aktuelle Album „Once“ in ebenjenem Helsinki abgemischt – er wäre niemals dorthin gefahren.
„Ich bin eben ein Junge vom Land“, lächelt er weiter und sieht schüchtern dabei aus- „Ein Amerikaner würde mich vielleicht sogar als Redneck bezeichnen. Aber so bin ich nun mal. Ich kann mich tagelang mit mir selbst beschäftigen. Um es mal hart zu formulieren, würde ich sogar sagen, dass ich alles andere als ein soziales Wesen bin. Ich bin eher schüchtern und halte mich daher nicht gerne unter Menschen auf. Großstädte sind mir ein Gräuel, und ich schaffe es in hundert Jahren nicht, einen Fremden einfach anzusprechen.“
So ist das eben mit ihm. Allzu gerne sitzt er dafür einsam und alleine irgendwo in einem Raum und schreibt Lieder. Und ist dabei völlig in sich und seine Welt versunken. „Songs zu schreiben ist mein Weg, um Ereignisse aus der Vergangenheit zu verarbeiten und von psyschischem Ballast loszukommen. Ohne das könnte ich vermutlich gar nicht überleben. Ich lege all meine Frust und meine Enttäuschungen in die Musik und befreie mich dadurch von ihnen, erklärt er und zuckt mit den Schultern. Seit den Arbeiten zu Once ist er sich auch wieder zu 100 Prozent sicher, dass genau das sein Weg im Leben ist, der ihm gut tut.
Bei den Arbeiten zum Vorgängerwerk „Century Child“ hat ihn das Von-der-Seele-Schreiben seiner Emotionen noch über einen eher schwierigen, steinigen Weg geführt. Die Band war intern zerrüttet. Insbesondere Sängerin Tarja saß zwischen allen Stühlen: Ihr Studium, eine Karriere als Opernsängerin, der Mann ihres Lebens, das Heimweh nach Finnland – Faktoren, die sie lange nicht wissen ließen, wie es weitergehen sollte. Ob mit Nightwish oder ohne. Zäh und mit zusammengebissenen Zähnen hat sich die Gruppe dennoch arrangiert und mit viel Vernunft und Selbstbeherrschung eine Platte eingespielt. Wirklich frei und glücklich fühlte sich Tuomas dabei allerdings nicht. Viel zu schwer war die Last, die ihn bedrückte. Um sich nach dieser Phase der Anspannung ein wenig freizuschwimmen, beschließt er, zwei Monate lang ganz alleine auf Weltreise zu gehen. „Das war phantastisch“, freut sich Tuomas heute noch darüber. „Ich liebe es, zu reisen, ganz besonders allein. Man hat auf solchen Trips Zeit, wieder zur Ruhe zu kommen und zu sich selbst zu finden. Ich bin generell eher ein Einzelgänger, der gut auf sich selbst gestellt sein kann und keine andere Menschen um sich herum braucht.“
Auch die Weltreise soll sich als eine Entscheidung entpuppen, die Tuomas' Leben nachhaltig beeinflussen wird. Just zu der Zeit, als er sich auf den Weg machen will, erfährt er über seine Plattenfirma von einer amerikanischen Familie, deren kleiner Sohn- ein glühender Nightwish-Fan – schwer an Krebs erkramkt ist. Sein größter Wunsch wäre es, Tuomas einmal persönlich zu treffen. Der Musiker zögert nicht langer, sonder meldet sich bei der Familie, als er sich im Rahmen seiner Weltreise in Los Angeles aufhält. „Die Leute wohnen in San Diego. Sie haben mich extra von Los Angeles abgeholt und zu sich nach Hause gebracht“. erzählt der Finne. „Die ganze Familie liebt Nightwish. Sie gingen sogar so weit, zu behaupten, die Musik von Nightwish würde ihrem Sohn das Leben erleichtern und ihm Energie geben. Eigentlich unglaublich, wenn man sich das vorstellt. Als ich dann zum ersten Mal in das Haus der Familie gekommen bin, wollte mich der Junge gar nicht sehen, weil er sich so wegen seiner Krankheit geschämt hat! Ich habe es ein zweites Mal versucht, doch er hat sich wieder in seinem Zimmer verborgen.“ Anschließend reist Tuomas zurück nach Finnland - Tarja hat inzwischen den Entschluss gefasst, bei der Band zu bleiben, und das interne Klima harmonisiert sich so weit dass Tuomas wieder Freude und ein Gefühl von Freiheit dabei empfinden kann, Songs zu schreiben. Das Schicksal des kleinen Jungen aus San Diego geht ihm allerdings nicht mehr aus dem Kopf.
Als Nightwish im Oktober 2003 für einige Shows in die Vereinigten Staaten fliegen, lädt er den Jungen samt Familie ein. Diesmal kommt er. Tuomas kann ihn kennen lernen. Wie sich ein paar Tage später herausstellt, soll es die letzte Begegnung zwischen den beiden gewesen sein. Der Junge erliegt seinem schweren Krebsleiden. „Das war für mich eine unfassbar emotionale Erfahrung. Ich hatte nie gedacht, dass meine Musik jemanden so berühren könnte“, vermag Tuomas noch immer kaum zu begreifen, was damals passiert ist. „Die Familie ist der Meinung, dass er nur dank der Kraft, die ihm unser Konzert gegeben hat, einige Tage länger gelebt hat, als die Ärzte eigentlich vermutet hatten. Als ich das gehört habe, habe ich vier Tage lang ununterbrochen geweint. Ich konnte einfach nicht mehr anders.“
Tuomas besitzt ein Anrufbeantworterband, auf dem der Junge zu hören ist. Er beschließt, ihm einen Song zu widmen und seine Stimme darauf zu verewigen. Es wird eine tiefe, traurige Ballade, die nun als letzter Track auf dem aktuellen Album zu finden ist: „Higher Than Hope“. Mit der Familie steht Holopainen nach wie vor in Verbindung.
Trotz der traurigen Erfahrung lebt Tuomas beim Komponieren von Once wieder so richtig auf. „Es mag unglaublich klingen, aber es ist tatsächlich so: Das ist jetzt bereits unser fünftes Album, aber das erste, mit dem ich mich wirklich rundum zufrieden fühle und auf das ich wirklich stolz bin“, bekundet er überzeugend. „Bei den anderen habe ich immer Parts gefunden, mit denen ich nicht glücklich war. Von daher ist es mir auch egal, wie die neue Platte ankommen wird. Ich weiß schon, dass viele sie nicht, oder zumindest nicht sofort verstehen werden. Mir selbst bedeutet sie allerdings unheimlich viel.“
Vor den Reaktionen der Presse hat er dennoch – wie jedes Mal – ein bisschen Angst. Tuomas ist nicht wirklich gut darin, Kritik einzustecken. Er lässt sie sich immer viel zu nahe gehen, wie er selbst sagt. „Es verletzt mich zutiefst, wenn jemand meine Songs kritisiert“, meint er leise und schaut dabei bis auf den Grund seines Glases, „Da habe ich mich seit meiner Kindheit leider nicht weiterentwickelt. Ich nehme Kritik an meiner Musik einfach zu persönlich und beziehe sie sofort auf mich, Ich beziehe die Musik vielleicht auch zu stark auf mich. Die Songs, das bin ich. Ich lebe in ihnen. Wer sie kritisiert, trifft damit mich. Ich weiß, dass ich in diesem Punkt hypersensibel bin und das vielleicht nicht immer sein sollte, aber ich kann es einfach nicht ändern.“
Nightwish ist und bleibt Tuomas' Baby. Die Band ist für ihn das Allerwichtigste. Er hat ihr das Leben eingehaucht und atmet sie seitdem jeden Tag. „Wer mich gut kennt, kann das auch bestätigen. Die Musik, die du auf unseren Alben zu hören bekommst, bin zu 100 Prozent ich“, weiß er. „Das sind meine Emotionen und meine Art, mit ihnen umzugehen. Ich überlege nicht, was die Leute hören wollen, wenn ich einen Song schreibe. Ich schreibe ihn so, wie mein Herz in dem Moment fühlt. Und das ist, wie ich finde, auch die Stärke der Band. Sie ist grundehrlich. Sie ist unverfälscht.“
Live werden Tuomas und seine Mitstreiter die neuen Lieder voraussichtlich ab Oktober vorstellen. Auch wenn er es auf Tour als schlimm empfindet, so wenig Zeit für sich selbst zu haben und so wenig persönlichen Freiraum und Platz für Individualität genießen zu können, freut er sich schon darauf. Feinde, so sagt er grinsend, hat er nämlich keine. Weder auf Tour noch zu Hause. „Dafür bin ich doch ein viel zu harmloser Mensch.“
Sandra Eichner

Marco Hietala und Jukka Nevalainen

Sie sind als Rhythmusfraktion bei Nightwish für den richtigen Groove verantwortlich und verstehen sich auch privat blendend: Bassist Marco Hietala und Schlagwerker Jukka Nevalainen sitzen gerne mal in einer Kneipe zusammen und schlürfen das eine oder andere Bierchen. Es ist an diesem winterlichen Tag Ende März in Helsinki zwar erst irgendwas um 16.00 Uhr herum, aber ihr erstes Bier bestellen die beiden wahrlich nicht.
Wenn es ums Feiern geht, sind die zwei keine Kostverächter. Und lieben es daher auch, gemeinsam auf Tour zu sein. Sie bezeichnen sich selbst al kleine Partytiere, die auch gerne mal einen über den Durst bechern, und starten meist gut gelaunt in den Tag.
Obwohl sie definitiv noch besser aufgelegt wären, wenn nur endlich das neue Album „Once“ veröffentlich wäre und es dazu auf Tour ginge... „Auf Tour haben wir immer einen Heidenspaß“, versichert Jukka. „Es gibt so viele neue Orte zu sehen und so viele neue Leute zu treffen, dass es einem nie langweilig wird. Und überall, wo man hinkommt, gibt es Getränke gratis. Was kann man sich mehr wünschen?“
Sein Kollege nickt eifrig. Auch er sitzt gerade wie auf Kohlen. „Die Aufnahmen zu dem Album verliefen so relaxed, dass ich wirklich verdammt hungrig darauf bin, es endlich auch live dem Publikum präsentieren zu können. Ich habe kurz vor Weihnachten meine Bassparts eingespielt, Seitdem kann ich es nicht erwarten, die fertigen Songs anzuhören und dann auch zu proben.“
Marco und Jukka haben kein Problem damit, Tuomas' Mitstreiter zu sein und dabei zu helfen, in erster Linie seine Ideen zu verwirklichen. Sie sind zwei unkomplizierte Kumpeltypen, die gerne im Team arbeiten. Und sie respektieren Tuomas Holopainen über alle Maßen. „Tuomas ist ein ganz besonderer Mensch“, versucht Marco den Charakter seines Bandleaders in Worte zu fassen. „Er ist ein sehr nachdenklicher Typ, der für und durch seine Musik lebt. Ich kenne keinen, der so perfektionistisch veranlagt ist wie er. Auf die Ideen, die er manchmal hat, würden wir in unseren phantasievollsten Stunden nicht kommen. Er ist ein wahrer Künstler, ein Freak.“
Marco ist ganz anders. Aber genau das findet er so schön. Jeder in dieser Band hat seine eigenen Persönlichkeit. Tuomas besitzt davon die exzentrischste. „Es ist irre, ihm beim Arbeiten zuzusehen“, grinst Jukka. „Es ist wirklich eine Bereicherung, diesen Menschen zu kennen.“
Durch viele Welten hat Tuomas sie für die Aufnahmen zu „Once“ wieder mal geführt, Und gerade weil Marco und Jukka so genau wissen, dass sie viele verschiedene Bereiche durchwandern werden, lassen sie sich so gerne führen. „Tuomas kommt immer wieder mit neuen Einfällen an“, erzählt Marco.
Ganz speziell lieben die beiden feierwütigen Finnen ihren Job aus einem bestimmten Grund: Sie sprechen damit eine internationale, für alle verständliche Sprache. „Es gibt nur äußerst wenige Dinge, die jeder auf der ganzen Welt versteht“, siniert Marco. Und nimmt einen großen Schluck aus seinem Bierglas. „Dazu gehören das Trinken, Sex-haben und Musikmachen. Das funktioniert überall auf der Welt gleich...“
Sandra Eichner

Once unter die Lupe genommen:

Die Tracklist:
Dark Chest Of Wonders
Wish I Had An Angel
Nemo
Planet Hell
Creek Mary's Blood
The Siren
Dead Gardens
Romaticide
Ghost Love Score
Kuolema Tekee Taiteilijan (Death Makes An Artist)
Higher Than Hope

Der erste Song, der fürs Album entstand, ist „Dark Chest Of Wonders“.
Marco: Tuomas hat ihn uns vorgestellt, und wir wussten sofort, wohin der Hase läuft. Wir haben nicht lange gebraucht, bis wir uns das Stück draufgeschafft hatte. Es ging uns ganz locker von der Hand.
Jukka: Es war daher auch sofort klar, dass wir den Track als Opener nehmen würden. Wir haben alle gefühlt, dass er ein guter Einstieg ist. Er war ja auch ein super Einstieg für Tuomas, um uns mit seinen neuen Songs vertraut zu machen...

Der überraschendste Song nach Ansicht von Marco und Jukka ist „Wish I Had An Angel“.
Marco: Die Textidee und ganz besonders der Schlagzeugsound sind alles andere als typisch Nightwish. Da habe ich mich am Anfang schon ein wenig gewundert, was Tuomas damit bezwecken will. Ich habe eine Zeit gebraucht, bis ich mich an den Drumcomputer gewöhnt hatte.
Jukka: Das Lied zeigt definitiv eine neue Seite von Nightwish. Wenn man sie einmal für sich entdeckt hat, merkt man auch, dass es eine großartige, interessante Seite ist.

Der Song, für den man am längsten gebraucht hat. ist „Dead Gardens“.
Marco: Davon gibt es sieben verschiedene Varianten. Wir haben das Stück immer und immer wieder eingespielt und es jedes Mal ein bisschen verändert. Zum Schluss standen wir vor all diesen Versionen und konnten uns für keine davon entscheiden.
Jukka: Sie waren alle so unterschiedlich, dass wir nach der ganzen Arbeit an dem Track nicht mehr sagen konnten, welche die beste davon war. Wir haben den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr gesehen.

Gespräch mit Mika Jussila

Mikka Jussila arbeitet als Produzent in den Finnvox-Studios und hat das aktuelle Nightwish-Album „Once“ gemixt. „Das Finnvox“ ist speziell im Heavy Metal-Sektor eine der allerersten Adressen. Die Studios am Stadtrand von Helsinki zählen zu den berühmtesten und renommiertesten in ganz Europa.

Metal Heart: Wie lange arbeitest du schon mit Nightwish zusammen?
Mika Jussila: Von Anfang an! Ich habe bisher alle Alben gemischt, die sie veröffentlicht haben. Das macht mich sehr stolz. Ich kann mich noch gut an meine allererste Begegnung mit Tuomas erinnern. Er war damals ein sehr schüchterner Schuljunge, der erst 17 Jahre alt war, als wir das erste Mal zu „Angels Fall First“ zusammengearbeitet haben. Das hat mich sehr berührt. Ich habe ihn sofort ins Herz geschlossen und gerne mit ihm gearbeitet. Wenn ich daran zurückdenke, ist es unglaublich, was aus ihm geworden ist. Er ist ein wunderbarer Musiker und der Gründer einer der beeindruckendsten Bands der heutigen Zeit.
MH: Wie hast du die Zusammenarbeit mit Nightwish zum aktuellen Longplayer erlebt?
MJ: Tuomas weiß sehr genau, was er will. Er brachte auch dieses Mal wieder ganz konkrete Vorstellungen mit, was die Arbeit natürlich erleichtert. Man kann sich mit ihm hinsetzen und direkt und ganz genau über alles sprechen.
MH: Worin besteht die Hauptaufgabe für dich beim Mixen eines Albums?
MJ: Die konkrete Reihenfolge der Stücke wird ja meist erst beim Mixen festgelegt. Man muss sich also jeden Song sehr genau anhören, um herauszufinden, an welche Stelle der Scheibe er am besten passt. Erst wenn man die grobe Reihenfolge hat, kann man sich daran machen, am Sound zu feilen und den Liedern ihren Feinschliff zu verpassen, Auch dabei muss man wieder darauf achten, dass klanglich keine Lücken entstehen und sich die einzelnen Tracks fließend aneinander reihen.
MH: Wie stellst du dir die weitere Zusammenarbeit mit Nightwish vor?
MJ: Tuomas hat mir vor nicht allzu langer Zeit verraten, dass es sein geheimer Traum ist, eines Tages Filmmusik zu komponieren. Ich traue ihm das absolut zu und kann mir gut vorstellen, dass wir eines Tages für einen Soundtrack zusammenarbeiten werden. Wenn man Nightwish hört, erkennt man, das der Schritt zu Filmmusik nahe liegt.
MH: Wie würdest du das Verhältnis zwischen dir und Tuomas beschreiben?
MJ: Das ist in erster Linie natürlich ein professionelles, berufliches. Selbstverständlich freundet man sich in gewisser Weise an, wenn man sich seit sieben Jahren kennt und regelmäßig miteinander zu tun hat. Aber wir sind jetzt keine so dicken Freunde, dass wir täglich miteinander telefonieren würden. Man sieht sich von Zeit zu Zeit in Helsinki in einer Kneipe, um dort gemeinsam etwas zu trinken und ein bisschen zu reden. Tuomas kommt mich auch immer im Studio besuchen, wenn er gerade in der Gegend ist. Aber alles in allem überwiegt schon die berufliche Verbindung.
MH: Ein typisches Verhältnis für die finnische Musikszene?
MJ: Absolut. So groß ist die Szene hier nicht. Man kennt sich untereinander und respektiert sich. Jeder begegnet jedem auf recht freundschaftlicher Ebene. Ich bin sehr stolz darauf, ein Teil einer so harmonischen Musikszene zu sein.

Gespräch mit Ewo Rytkönen

Ewo ist der Manager von Nightwish. Von seinem geräumigen Büro mitten in Helsinki aus kümmert er sich um alle Angelegenheiten rund um Nightwish. Er hat die Band entdeckt und kennt sie daher wie kaum ein anderer.
Ewo weiß auch, was es heißt, sich durchzuboxen, an sich zu glauben und seinen Weg zu gehen. Seinen Einstieg ins Musikbusiness hat er 1992 beim finnischen Label Spinefarm vollzogen. Davor hat er auf dem Bau, in einem Plattenladen, in einer psychiatrischen Anstalt, an einer Tankstelle, als Koch, in einer Umzugsfirma und in einer Brauerei als Flaschenabfüller gearbeitet.

Metal Heart: Wann hast du die Band zum ersten Mal getroffen?
Ewo Rytkönen: Das war sogar noch bevor es sie überhaupt gab! Ich war als Tourmanager auf einer Tour mit mehreren Bands in Europa unterwegs. Tuomas hat damals für eine kleine Vorgruppe Keyboards gespielt. Die Tour war überhaupt eine eher kleine mit sehr geringem Budget. 27 Leute mussten sich einen Buss teilen, in dem es nicht einmal genügend Betten für alle gab. Wir haben jeden Abend ausgelost, wer auf dem Boden schlafen muss und wer ein Bett bekommt. In diesem Bus hat mir Tuomas eines Tages ein Demo von sich in die Hand gedrückt. Darauf stand „Nightwish“. Er bat mich, mal hineinzuhören und ihm meine Meinung dazu zu sagen. Ich fand das mutig, denn ich war damals dafür bekannt, Demos einfach aus dem Tourbusfenster zu werfen. Weil ich damals schon für die finnische Plattenfirma Spinefarm gearbeitet habe, habe ich relativ viele Demos bekommen. Aber ich habe mir im Falle Nightwish die Mühe gemacht, einmal reinzuhören.
MH: Und wie war dein erster Eindruck?
ER: Ich war nicht komplett vom Hocker gerissen, aber das lag hauptsächlich an der schlechten Tonqualität. Ich habe schon ganz deutlich herausgehört, dass hinter diesen Nightwish Potential steckt. Und das wollte ich fördern. Die Musik unterschied sich sehr stark von allem anderen, was es bis dato gab, und das hat mich fasziniert,
MH: Wenig später ist bereits das Debut „Angels Fall First“ auf Spinefarm erschienen.
ER: Ganz genau. Das Ding gab es vorher schon als Demo und hatte sich bereits 500 Mal verkauft. Wir waren daher ein bisschen unschlüssig, ob es die Leute überhaupt noch interessieren würde. Aber am Ende hat sich das Album dann alleine in Finnland über 8.000 Mal verkauft. Und das ist für dieses Land wirklich sensationell. Children Of Bodom galten hier zu Lande schon als Superstars, weil sie knapp 5.000 Alben verkauft hatten!
MH: Hast du von Anfang an an die Band geglaubt?
ER: Ja. Das war eine Art Vorahnung. Ich wusste einfach, dass die Leute darauf abfahren würden. Als sie dann ihren Durchbruch hatten, hat mich das eher bestätigt als überrascht.
MH: Bist du stolz darauf?
ER: Ich bin stolz auf Tuomas. Er ist die treibende Kraft hinter Nightwish. Er ist Nightwish, und ihm ist der Erfolg der Band in erster Linie zuzuschreiben. Wenn ich sehe, wie umfangreich und intensiv meine Arbeit für Nightwish inzwischen ist, wird mir bewußt, wie viel Tuomas geschafft und bewegt hat. Er hat etwas sehr Großartiges auf die Beine gestellt.
MH: Was bedeuten Nightwish für dich?
ER: Meinen Lebensinhalt! Ich arbeite ja fulltime für sie und mache nichts anderes mehr. Ich verdiene also mein Geld durch sie, was nicht unwichtig ist. Darüber hinaus ist es aber auch eine großartige, einzigartige Band, die ihren Weg gemacht hat. Und ich bin sehr froh, das ich ihn mitgehen durfte. Das verbindet mich natürlich sehr mit ihnen. Daher bin ich, auch wenn manchmal sehr viel Arbeit auf mich zukommt, nach wie vor sehr enthusiastisch.
MH: Wie siehst du die Zukunft der Band?
ER: Sie können definitv noch mehr erreichen. Sie werden weiterhin ihren Weg gehen und die nächsten Sprossen auf ihrer Leiter nehmen. Sie sind keine typische Metal-Band, sondern sprechen ein wesentlich breiteres Publikum an. Deshalb haben sie auch in Zukunft noch vielfältige Möglichkeiten.
www.nightwish.com



Ein bisschen wie die Begegnung zweier fremder Kulturen ist es schon, als die drei Taxis mit Nightwish und dem Bandequipment vor dem riesigen Studiokomplex am Rande Kölns vorfahren. Als Tarja, Tuomas und die anderen aus den Wagens steigen und ihre Instrumente aus den Kofferräumen holen, stehen sie einer Welt der peinlichst genau geplanten Showabläufe und der perfekt gestalteten Vorproduktionen gegenüber. Als zwei Studioassistenten die fünf Finnen in Empfang nehmen, sind diese wiederum mit einer kompletten Band samt Instrumenten konfrontiert, was für eine Sendung wie „Top Of The Pops“ durchaus nicht alltäglich ist.
Weil mit den mitgebrachten Instrumenten für das Produktionsteam ein enormer Aufwand verbunden ist. sind Nighwish an diesem Aufnahmetag die Ersten, die ins Studio gebeten werden. Der lange Flur, der das Aufnahmestudio mit den Garderoben der Künstler verbindet, ist noch menschenleer, als die fünf ihre Umkleide, ihren Aufenthaltsraum für diesen Tag, entern.
Während sich das Produktionsteam bereits in heller Aufregung befindet, das Schlagzeug muss aufgebaut und die Keyboards richtig positioniert werde, die Zeit drängt - , sind die Nightwish-Musiker die Ruhe selbst. Gelassen machen sie es sich in ihrem Zimmer gemütlich, rauchen gemeinsam ein Zigarettchen und schauen dabei durchs Fenster der Sonne zu, wie sie den Asphalt vor dem Stuiokomplex erwärmt. Selbst Tarja wirkt entspannt, obwohl sie eine Reise um die halbe Welt hinter sich hat. Drei Tage vor dem Termin bei „Top Of The Pops“ ist sie erst aus Argentinien nach Finland zurückgekehrt, hate dort gerade mal die Zeit, ihre Koffer aus- und wieder einzupacken, um dann gleich weiter nach Köln zu fliegen. Extra für den Auftritt. Als Stress empfindet sie das nicht, wie sie nachdrücklich beteuert. Im Gegenteil: das bandinterne Klima ist derzeit so gut, dass sie jeden Moment, genießt, den sie zusammen mit den anderen verbringen kann. „Wir hatten in den letzten Jahren ein paar Probleme miteinander, sind daran allerdings so sehr gewachsen, dass wir uns jetzt dafür umso mehr zu schätzen wissen“, erzählt sie und blickt einem mit ihren großen grünen Augen dabei ehrlich und direkt ins Gesicht. „Ich bin heute sehr froh, ein Teil von Nightwish zu sein, Tuomas' wunderbare Songs singen zu dürfen, und verbringe gerne Zeit mit den Jungs. Das war nicht immer so.“
Um sie herum herrscht derweil permanente Hektik. Eine Studioassistentin kommt aufgeregt in die Garderobe und trommelt alle Nightwish-Mitglieder zusammen. Die Probe in den „Top Of The Pops“-Studios steht bevor, und wegen des dichten Zeitplans duldet der Gang dorthin keine Trödeleien. Hastig werden Tarja & Co. mit den beiden Bühnen vertraut gemacht. Es gibt eine größere Stage, auf der die Finnen ihre Single „Nemo“ zum ersten Mal performen sollen, und eine kleinere, im edel anmutenden, weißen Design, auf der der Song das zweite Mal präsentiert werden muss.. Geprobt wird daher auch auf beiden Bühnen – um sicherzugehen, dass die Kameraeinstellungen für beide Aufnahmen auch wirklich passen.
Nach der Probe geht es zurück in den Umkleideraum. Wirkliche Ruhe herrscht dort jedoch nicht. Im Zehn-Minuten-Takt öffnet sich die Tür, und eine weitere Assistentin bittet die Musiker nach und nach in die Maske. Ohne sich vorher nicht zumindest ein kleines bisschen Make-Up eingefangen zu haben, darf niemand vor die Kamera. „Ich glaube, wir haben uns durch diese Probleme erst so richtig kennen und schätzen gelernt“, knüpft Tarja an das vorherige Gespräch an. „Manchmal braucht es aber schwierige Situationen, um aus ihnen zu lernen und an ihnen zu wachsen.“
Dann tippt die Assistentin auch ihr auf die Schulter und begleitet sie in die Maske. Nötig hat Tarja das freilich nicht. Wie immer ist die Finnin bereits perfekt und, wie sie es privat stets vorziegt, dezent geschminkt, und man kann sich eigentlich nur fragen, wie um alles in der Welt die in der Maske das noch besser machen wollen. Aber weil durch die Beleuchtung in einem Fernsehstudio nun einmal andere Lichtverhältnisse herrschen als in der Realität, braucht es dazu auch ein anderes, viel auffälligeres und kräftigeres Make-Up, das optische Vorzüge betont und verhindert, dass man hinterher im Fernsehen blass aussieht. Manager Ewo wirkt recht froh, das ihm die Schminzprozedur erspart bleibt. Er kümmert sich lieber um das Wohl seiner Schützlinge und inspiziert die Getränkevorräte in der Garderobe. Er findet Wasser, Cola, Saft und Limonade, und das will ihn nicht so ganz zufrieden stellen. Wortlos verschwindet er den langen Korridor hinunter und taucht ein paar Minuten später mit einer Flasche Wodka in der Hand wieder auf. Nachdem er die Flasche zu den anderen, nicht alkoholischen gestellt hat, zeigt sein Gesicht einen deutlich zufriedeneren Ausdruck.
Es dauert nicht lange, bis die männlichen Bandmitglieder die neue Flasche bemerkt haben und sich das Zeug zusammen mit Fanta in ihre Becher gießen. Die deutschen Betreuer können das Ganze nicht so wirklich nachvollziehen und schneiden Grimassen – Wodka in Kombination mit Limo, und das alles um vier Uhr nachmittags. Die spinnen, die Finnen...
Tarja kommt erst sehr kurz vor dem Auftritt wieder aus der Maske. Als Sängerin ist sie mit Abstand am aufwändigsten gestylt worden. Als sie wenig später mit ihrem wunderschönen roten Kleid den Flur zum Aufnahmestudio entlangschreitet, an all den jungen Pop-Sternchen wie Natasha Thomas oder L.O.V.E. vorbei, wird deutlich, wie viel Klasse sie doch besitzt. So hübsch die anderen auch sein mögen – Tarja können sie lange nicht das Wasser reicht!
Das erkennt auch das m Studio anwesende Publikum. Als die Nightwish-Diva die Bühne betritt, rasten insbesondere die Mädchen vor Begeisterung und Faszination aus. Ihr Gejubel ist um ein Vielfaches wärmer als das, was sie vor den Aufzeichnungen unter Anleitung des Produktionsleiters üben mussten. Und fürs Auge gibt es auch etwas: Das Fernsehteam hat die Hübschesten – und diejenigen mit den tiefsten Ausschnitten – herausgepickt und sie auf ein erhöhtes Podest gestellt, von wo aus man sie ganz besonders gut sehen kann.
Zwei Mal bieten Nightwish ihren Song „Nemo“ dem euphorischen Publikum dar. auf beiden Bühnen und mit jeweils unterschiedlichen Outfits, damit man sie in zwei verschiedenen Folgen von „Top Of The Pops“ schneiden kann, ohne dass es auffällt, dass beide Gigs am selben Tag gedreht wurden.
Wie in der Fernsehlandschaft üblich, müssen Nightwish mit Vollplayback spielen. „Hoffentlich haben wir nicht zu viel gesoffen und verspielen uns nicht“, scherzt Basser Marco Hietala. Auch Tarja nimmt die Sache von der positiven Seite; „Ich werde einfach trotzdem mitsingen und das Ganze als Probe für die Tour betrachten“, verrät sie. „Unsere Finnlandtour ist ja in nicht mehr allzu weiter Ferne, und wir haben noch fast gar keine Zeit gehabt, zu proben. Da ist das heute eine prima Gelegenheit.“
Als Tarja rund eine Viertelstunde später von der zweiten Bühne schreitet, tut sie das nicht, ohne etliche neue Fans gewonnen zu haben. Noch immer sind die Zuschauer völlig außer sich und jubeln enthusiastisch. Spätestens jetzt hat sich für Tarja der weite, anstrengende Flug rund um den Globus komplett gelohnt. „Das Publikum hat mir gerade extrem viel zurückgegeben“, strahlt sie. „Ich habe ihre Gesichter gesehen und gemerkt, das sie Spaß haben. Das ist das Schönste, was mir passieren kann. Wer dabei vor der Bühne steht, ob das nun junge Mädels oder Metaller sind, spielt für mich keine Rolle. Ich muss spüren, dass sie die Musik verstehen und Freude daran haben, dann fühle ich mich wohl. Und das war heute definitiv der Fall!“
Ein „Nemo“ also aus dem Lateinischen übersetzt ein „Niemand“, sind Nightwish seit diesem Tag in der schillernden Welt der „Top Of The Pops“ garantiert nicht mehr.
Text und Photos: Sandra Eichner


added by Lonnie on 07.05.06article also available in:  | printer friendly version

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