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[Original] Rock Hard: Der Vierfache Nemo (2004-05) - Interviews

DER VIERFACHE NEMO

Die Kitsch - Metal - Institution Nightwish mag von diversen Szenewächtern belächelt werden. Dennoch warten Heerscharen von Fans ungeduldig auf das neue Album. Das Rock Hard ließ sich “Once” in Helsinki gleich ein halbes Dutzend Mal durch die Ohren schmeicheln.

Schon ein kurzer Blick aus dem Flugzeugfenster genügt: Es liegt Schnee in Helsinki. Zumindest die schmutzigen Reste davon. “Bauhaus - The Home Store” lockt als erstes Schild auf der folgenden Busfahrt durch einige Waldgebiete und die spärlich bebauten Randgebiete der finnischen Hauptstadt, gefolgt von einer Werbung für ein Sixpack Bier für schlappe 6,50 Euro. Ein paar Ami - Touristen lachen über das Wort “Utfart”, aber die finden ja schon das deutsche Wort “Ausfahrt” very funny. Da finnisch keine romanische Sprache ist, kapiert man eh nur aus anderen Kulturen eingeschleppte Wortschöpfungen wie “Kioski”, “Grilli” oder “Oopera”. Der Rest klingt mal niedlich, mal regelrecht bedrohlich. Ein lokaler Pizza - Service heißt z.B. “Koti-Pizza”. Das Zeug schmeckt aber trotzdem …
Wie Großstädte im ausklingenden Winter nun mal aussehen, zeigt sich auch Helsinki von seiner schmuddeligen Seite. Der Himmel spendiert uns Graupel, frostigen Nieselregen und etwas Schnee. Die eisern durchhaltenden Straßenmusiker sind überwiegend elektrisch verstärkt am Rumdudeln und klampfen auch mal was von Metallica in die hastig vorbeieilenden Touris und Eingeborenen. An Erstere versucht ein Händler “Helsinki fuckin´ City” - Shirts zu verdealen. Die Schaufenster der Plattenläden locken mit der neuen CD von Timo Rautiainen & Trio Niskalaukaus und der HIM - Best - of - Scheibe. Die Landesflaggen hängen noch wegen der Madrid - Attentate auf Halbmast. Und in jeder Pizzeria und Kneipe dudelt zwischendurch irgendwann mal irgendwas von Nightwish, die in ihrer Heimat inzwischen Doppel - Platin - Helden sind.
Vier Fünftel der Band erwarten die internationale Journaille am folgenden Mittag in einem Rockclub. Frontelfe Tarja Turunen ist gar nicht erst vor Ort. Nach der Orakelei, die sie im Vorfeld des letzten Albums “Century Child” über einen etwaigen Ausstieg verbreitete, ist das dem Rest der Gruppe wohl auch lieber…
Manager Ewo Rytkönen verteilt Kondome im Nightwish - Design, macht sich mit Freigetränken beliebt und legt dann endlich den Grund des Kommens der Schmierfinken in den Player. Auf Dauerrotation dröhnt “Once” durch die Boxen. Sechs Umrundungen später muss man sich zwar die entschuldigende Studioreport - Floskel “Nach einem Durchlauf kann man sich noch kein abschließendes Urteil erlauben” abschminken, ist aber etwas überrollt von dem ganzen. Neun der elf Songs kommen mit Orchesterbegleitung, und die Tracks sind teilweise deutlich progressiver als das alte Material.

Bandchef und Keyboarder Tuomas Holopainen sieht “Once” daher auch als Neustart, als er sich zwischen diversen Stücken leckerer “Kotipizza” Zeit für ein Rock - Hard - Gespräch nimmt.
“Once” ist unser fünftes Album, und ich bin zum ersten Mal richtig zufrieden. Ich bin verdammt stolz auf die Scheibe. Früher dachte ich hingegen immer, das wir es noch besser hätten machen können.
Aber auch bei “Once” klangst du anfangs sehr unzufrieden, wenn man sich diverse Internetpostings von dir ansieht.
Solche Gedanken sind immer nur Momentaufnahmen, die man nicht allzu genau nehmen sollte. Aber es stimmt, das ich teilweise echt frustriert von den Aufnahmen war. Das hat sich jedoch schnell geändert.
Trotzdem hast du vor kurzem noch gesagt, dass einer der aufgenommenen Songs die “größte Scheiße” sei, die du “je gemacht” hättest.
Stimmt (lacht). Und dazu stehe ich nach wie vor. Aber es ist lediglich ein Bonustrack. Also ist das kackegal. Es ist der Extrasong auf der Digipack - Version der ´Nemo´ - Single. Er heißt ´Live To Tell The Tale´. Er funktioniert einfach nicht.
Außerdem meckert dein Bassist und Co - Sänger Marco Hietala gern darüber, dass du darauf bestanden hast, als weiteren Bonustrack den Song ´Where Were You Last Night´ (im Original von Ankie Bagger, die übrigens mal `I Was Made Vor Lovin´ You´ von Kiss coverte) einzuspielen.
Marco kann das Lied tatsächlich nicht ausstehen. ´Where Were You Last Night´ war ein Riesen - Dance - Hit in den Achtzigern.Ich mag ihn sehr. Er hat tolle Melodien und Riffs. Der Text ist allerdings grauenhaft. Aber wir haben ihn trotzdem aufgenommen. Die Leute sollen nicht immer alles so ernst nehmen. Manche Fans haben eine Mentalität wie Fußballhooligans, wenn es um ihre Lieblingsbands geht.
Du hast eben das ´Nemo´ - Digipack erwähnt. Nuclear Blast Records haben ja schon bei Manowar 342 wenig nötige Releases unter die Leute gebracht, seien es spezielle Packages, Vinyls in jeder Farbe des Regenbogens usw. Bei euch geht es ähnlich los. ´Nemo´ kommt gleich in vier Versionen auf den Markt. Muss das sein?
Ich bin bei solchen Dingen sehr naiv. Deshalb haben wir auch einen Manager. Ich will da gar nicht erst drüber nachdenken. Ich weiß, das ich es tun sollte, aber ich kümmere mich nur um die Musik und lasse die Plattenfirma machen, was sie will. Ich finde es allerdings dämlich, dass ´Nemo´ in so vielen Formaten erscheint. Das ist halt der übliche Label - Bullshit.
Hier in Helsinki laufen eure Songs in jeder Kneipe. Wirst du inzwischen auf der Straße erkannt?
Ja, aber das ist okay, zögert Tuomas. Auf eine gewisse Art schmeichelt es mir. Andererseits ist es schon etwas anstrengend. Aber ich kann mich da nicht drüber aufregen. Ich benehme mich ja nicht wie ein Rockstar.
Dennoch lastet als Quasi - Alleinkomponist einer Doppel - Platin - Band viel Erfolgsdruck auf deinen Schultern.
Das stimmt. Der Druck ist enorm, aber ich versuche ihn zu ignorieren.
Hattest du deshalb den mut, ´Once´ über weite Strecken deutlich progressiver zu gestalten? Einige Songs sind sehr verschachtelt, und manche durchaus gute Parts werden nicht wiederholt, was bei den ersten Durchläufen etwas irritiert.
Das ist Absicht. Denn genau das macht diese Elemente so reizvoll. Bei dem Wort “progressiv” denke ich jedoch immer an Dream Teater oder Symphony X. Und auf so ein Zeug stehe ich nun wirklich nicht. Ich finde viel mehr, das wir Filmmusik spielen, die auf Heavy Metal basiert.
Du bist eh ein riesiger Soundtrack - Fan.
Absolut. Die Musik von “Gladiator” ist für mich nach wie vor das beste Album aller Zeiten. Für ´Once´ habe ich versucht, elf akustische Kurzfilme zu komponieren. Die Leute sollen dieses Album hören UND sehen. Sobald ich beginne zu schreiben, habe ich Bilder in meinem Kopf. Es steht immer zuerst eine Vision oder eine Geschichte, um die herum ich dann die Musik komponiere.
Am schwierigsten dürfte das sinnvolle Verbinden der Metalparts und der über weite Strecken gegenwärtigen Orchesterbegleitung gewesen sein.
Das war wirklich eine Menge Arbeit. Von der Gitarrenseite her ist ´Once´ härter als alles, was wir je gemacht haben. Auf der anderen Seite steht das Orchester, das mit dem metallischen Material eine Symbiose eingeht. Es ist einfach von allem mehr.
Außer von Tarja…
Das ist richtig. Ich habe sie mehr als Instrument benutzt. Bei ´Creek Mary´s Blood´ gibt es zum Beispiel dreieinhalb Minuten, in denen sie überhaupt nicht auftaucht. Sie ist einfach nur ein Instrument von vielen. Wenn ihre Stimme zu einem Part nicht passt, muss sie dort auch nicht sein. Nightwish sind keine Ein - Personen - Show.




DIE SONGS VON ONCE

Dark Chest Of Wonders
Ein gut gewählter Opener mit einem anständigen Drive. Tarja agiert zurückhaltend und dadurch sehr songdienlich. Der Refrain ist großartig, das Orchester liefert eine erste Visitenkarte ab, das harte Riffing dominiert dennoch.

Wish I Had An Angel
Trotz aller Kitschvorliebe der Band ist das Stück kein Kelly - Family - Cover, sondern ein straighter Rocker mit einer wieder etwas gebremst singenden Tarja, der von Marco ein großartiger Power - Refrain entgegengeschleudert wird. Ein Hit ohne jeden Ballast.

Nemo
Die Vorabsingle des Albums dürfte inzwischen hinreichend bekannt sein. Ohne Tarja wäre das Lied ein typischer Skadi - Goth - Rocker. Gefällig, aber nicht unwiderstehlich.

Planet Hell
Tarja startet mit zackiger Orchesterbegleitung. Das London Session Orchestra tobt sich erstmals richtig aus und bleibt auch nach dem harten Einsetzen der Band präsent. Marco singt energisch einen Teild er Strophen und Refrains. Unterm Strich ein okayer Song, bei dem Power und Arrangement über wirkliches Hitpotential siegen. (Schön formuliert… - Red.)

Creek Mary´s Blood
In eine Flöten - und Spoken - Word - Performance des Lakota - Indianers John Two - Hawks eingebettet, verbinden die Finnen hier die Trademarks ihrer Kitschballaden mit Ethno - Sounds, was speziell Puristen aus letzterem Lager einen Herzinfarkt bescheren dürfte. Der traditionell indianische Mittelteil mündet nach einer Weile in etwas mehr Härte und einen schönen Refrain.

The Siren
Typischer Nightwish - Rocker, der allerdings durch einige orientalische Fragmente auffällt. Schöne Melodieführung, der Refrain besteht nur aus textfreien “Aaaaaaaaaaas” von Frau Turunen. Das soll wohl die namensgebende Sirene sein …

Dead Gardens
Das Orchester verbreitet eine leicht düstere Atmosphäre, bevor die Band hart und in etwas forcierten Tempo losrockt. Strophe und Bridge haben klasse Melodien, der Refrain ist jedoch ein bißchen zu flach, um die Spannungskurve aufrecht zu halten. Ein paar kernige Marco - Vocals hätten hier weitergeholfen.

Romanticide
Der wenig kuschelige Titel lässt einen harten Rocker erwarten, und genau das ist Romanticide auch. Allerdings ohne wirklich Impulse von Tarja. Das kurze Zwischenspiel mit spartanischen Keyboards und Doublebass verbreitet da durchaus mehr Feeling. Später kommt Marco hinzu, singt erst gebremst, bevor er regelrecht explodiert und Tarja locker an die Wand performt.

Ghost Love Score
Hier gibt es in den Strophen und der sehr atmosphärischen Bridge einige der wenigen wirklich dramatischen und zwingenden Melodielinien von Tarja auf Once. Nach einem typischen Chillout - Part wird der Song jedoch zu ausgefranst und verschachtelt, um das Qualitätslevel der ersten Hälfte zu halten. Vielleicht gehört er aber auch zu den Tracks, die man siebenmal hören muss, um sie zu kapieren.

Kuolema Tekee Taiteilijan
Eine finnischsprachige Ballade mit Orchester. Nett, aber nicht mal ansatzweise am Walking In The Air - Thron kratzend.

Higher Than Hope
Der einzige Song, bei dem Marco das Kompositionszepter von Diktator Tuomas zumindest partiell überreicht bekam. Der Song startet akustisch, hat eine großartige Tarja - Strophe, wogegen der Refrain etwas im Pomp erstickt.

Fazit:
Once ist eindeutig das progressivste Werk der Finnen. Der Balance - Akt aus den orchestralen Parts, die immerhin auf neun der elf Songs eine Menge Raum einnehmen, und den härtesten Metal - Elementen, die Nightwish je aufgenommen haben, ist gelungen. Die Bandtrademarks bleiben dennoch erhalten. Alte Fans finden genügend stilistische Verweise auf die Vorgänger - Alben. Zu kurz kommen jedoch die Gänsehautmomente.


Text von Garin

added by Lonnie on 07.05.06article also available in:  | printer friendly version

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